1. Prozesstag im Kinderschänder-Prozess gegen Traunreuter Angeklagter: „Eigentlich stehe ich nicht auf Kinder“

So versteckte sich der Angeklagte vor Prozessbeginn. © xe

Vorbericht

Insgesamt 29 Missbrauchsfälle listet die Staatsanwaltschaft auf: Die Taten sollen zwischen März 2014 und 21. Januar 2017 passiert sein – also bis kurz vor der Verhaftung des Traunreuters, bei der die Behörden die Öffentlichkeit um Unterstützung baten. Als die Taten begonnen haben sollen, war das mutmaßlich missbrauchte Mädchen gerade mal sieben Jahre alt.

Fotos und Videos über Skype geteilt?

Die Generalstaatsanwaltschaft sicherte umfangreiches Beweismaterial, denn der Angeklagte filmte und fotografierte die Taten wohl regelmäßig. Bei einem Fall des sexuellen Missbrauchs im Juli 2015 wurde das Mädchen im Intimbereich laut Staatsanwaltschaft derart stark verletzt, dass es anschließend stationär im Krankenhaus behandelt werden musste.

Außerdem wird dem 28-jährigen Traunreuter zur Last gelegt, dass er die Fotos und Videos über den Messenger „Skype“ mit vier Nutzern geteilt haben soll. Drei Computer und sein Handy hatten die Behörden sichergestellt, um ihm die Taten nachzuweisen.

Verhandlung am Dienstag und Mittwoch

Der Mann wird angeklagt wegen einfachemsexuellen Missbrauch von Kindern in 15 Fällen und schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern in 14 Fällen. Schwerer sexueller Missbrauch liegt dann vor, wenn ein „Eindringen in den Körper“ vorgelegen ist, wie es im Strafgesetzbuch heißt. Außerdem: Herstellung kinderpronografischer Schriften und fahrlässige Körperverletzung. Zwei Verhandlungstage sind angesetzt, Dienstag und Mittwoch.

17.10.2017 um 9.35 Uhr: Staatsanwalt verliest Anklageschrift

Ein großer, schlanker, unscheinbarer Mann schlurft die Stufen im Traunsteiner Landgericht hinauf. In Handschellen und begleitet von zwei Polizisten. Er ist 28 Jahre alt, kommt aus Traunreut und muss sich heute Richter Klaus Weidmann stellen – die Anklage:schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, fahrlässige Körperverletzung und Verbreitung kinderpornografischer Schriften. Der Prozess ist öffentlich, die Besucherplätze sind allesamt besetzt. Der Mann versucht immer wieder, sein Gesicht hinter einer mitgebrachten Brotzeittüte zu verstecken.

Der Prozess beginnt, der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift: Eine Aneinanderreihung von Grausamkeiten. Alle möglichen Formen der Sexualität soll der Angeklagte mit dem jungen Mädchen praktiziert haben. Dazu wurde oft gefilmt oder fotografiert. Die Details wollen wir unseren Lesern ersparen – auch zum Schutze des Opfers. Der Angeklagte bleibt beim Verlesen der Anklageschrift ruhig.

Im Juli 2015 kam es dabei sogar zu einem Fall, wo das damals achtjährige Mädchen nach dem Geschlechtsverkehr stationär ins Krankenhaus gebracht werden musste. Die Staatsanwaltschaft spricht von „stark blutenden Verletzungen im Vaginalbereich“. Der erste dokumentierte Missbrauchsfall, den die Staatsanwaltschaft vorlegt, stammt vom 20. März 2014, der jüngste vom 21. Januar 2017.

Auch wenn der Prozess öffentlich ist, legt Richter Weidmann der Presse eine Auflage auf: Während des laufenden Prozesses sollen keine Informationen nach draußen gelangen.

Der weitere Prozessverlauf

Am Nachmittag wird nun die Mutter des Mädchens vernommen. Mit einem Ausschluss der Öffentlichkeit inklusive der Presse ist aber zu rechnen. Ein Urteil wird heute nicht mehr gefällt: Es ist, ebenso wie die Plädoyers, für den morgigen Mittwoch zu erwarten.

17.10.2017 um 13.40 Uhr: Angeklagter äußert sich zu allem

Eins steht schnell fest: Der Angeklagte gesteht alles. Ein Leugnen wäre ihm angesichts der Videos und Fotos aber auch schwer gefallen. Das hat den Vorteil, dass das Opfer, seine Stieftochter, nicht vor Gericht vernommen werden muss. Grausige Details bleiben den Zuhörern im Gerichtssaal aber trotzdem nicht erspart. Der 28-Jährige spricht ruhig und sachlich, äußert sich zu allen Fragen des Richters Weidmann selbst.

Eine Siebenjährige als Ersatz für die Ex-Frau

Wie konnte es soweit kommen? Die Beziehung zur Ex-Frau des Angeklagten ging nach rund zwei Jahren in die Brüche: „Meine Frau hat dann nur noch auf der Couch geschlafen – und die Kleine bei mir. Wir hatten ja immer ein gutes Verhältnis“, so der Traunreuter: „Ich hab‘ mir dann, mehr oder weniger, sie als Partnerin angeeignet.“ 29 Taten wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, doch der Angeklagte gibt zu, sich insgesamt über 50 Mal an dem Kind vergriffen zu haben.

„Mit meiner Ex habe ich ja auch solche Videos gemacht“

Immer wieder relativiert und beschönigt der Angeklagte, sieht es „in rosarot“, wie Richter Weidmann es nennt: „Mit meiner Ex-Frau habe ich ja auch schon solche Fotos und Videos gemacht.“ Die Aufnahmen mit dem Mädchen verschickte er nicht nur an Skype-User im Ausland, sondern bot sie auch offen zum Download an. Laut Staatsanwalt kursierten die Bilder schließlich im ganzen Internet.

Als wäre es eine normale Beziehung gewesen…

Überhaupt: Der Angeklagte beschreibt das Verhältnis zur Stieftochter oft wie eine normale Beziehung. „Die Kleine war wie eine Freundin, ich war verliebt. 2016 habe ich eine andere Frau kennengelernt. Aber die Kleine ist dann richtig laut geworden“, so der Traunreuter. „Nein, ich will nicht, dass Du eine neue Freundin hast. Du hast doch mich. Sonst sage ich alles, was wir gemacht haben“, soll das Kind daraufhin gesagt haben.

Wirklich? Die Richter zweifeln an dieser beschönigenden Geschichte. „Ich habe Angst, ich will nie wieder zu ihm“, hat das Mädchen schließlich bei der Polizei ausgesagt. Der 28-Jährige scheint das nicht hören zu wollen: „Sie war das glücklichste Kind bei mir. Da kann man dutzende Leute fragen. So schauspielern kann man nicht“, ist er überzeugt. „Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, was Sie bei dem Kind kaputt machen?“, fragt die beisitzende Richterin – der Angeklagte zuckt mit den Schultern: „Ich habe mir nichts dabei gedacht.“

Der Krankenhaus-Aufenthalt des Mädchens

Auch zum 19. Juli 2015 äußert sich der Angeklagte, dem Tag, an dem das Mädchen ins Krankenhaus gebracht wurde: „Das war ja keine Absicht von mir. Ich hab mich auch bei ihr entschuldigt“, spielt der 28-Jährige den Fall herunter. Man habe sich nur aneinander gerieben, da habe es eine Berührung der Geschlechtsteile gegeben. Das Mädchen blutete.

Der Angeklagte war mit dem Mädchen schließlich bei der Untersuchung: „Die Frauenärztin hat ja auch gemeint, dass da nichts Auffälliges wäre.“ Druck habe er auf das Opfer keinen ausgeübt. Das Kind schilderte es in der Polizeivernehmung aber anders: Sie gab zu, im Krankenhaus eine „Geschichte“ erzählt zu haben, weil es für den Angeklagten sonst Konsequenzen hätte.

Was hat die Mutter mitbekommen?

Nach der Trennung hatte die Mutter das Sorgerecht, zehn bis 15 Tagen im Monat verbrachte das Mädchen aber die Zeit mit dem Angeklagten. Die Mutter schöpfte bereits Verdacht, doch auf ihre Frage, ob er sie angefasst habe, kam es zu einem üblen Streit – der im Suizidversuch seiner Ex-Frau endete. Auch bei einem Kuss-Foto von Angeklagtem und Opfer wurde die Frau skeptisch.

So wie es der Angeklagte darstellt, sei seine Ex-Frau eifersüchtig auf ihre eigene Tochter gewesen: „Die Kleine hat mich auf der Couch abgebusselt. Da meinte meine Ex, wir sollten uns doch gleich ein Zimmer suchen.“ Beim Kuscheln während dem Fernsehen habe man sich außerdem die ersten Male intim berührt.

Die Vernehmung des Mädchens

Am Vormittag sagte außerdem eine Kripo-Beamtin aus, die das Opfer vernahm: „Es lief gut, fast wie mit einer Erwachsenen“, berichtet die Zeugin. Das Mädchen – bei der Vernehmung zehn Jahre alt – habe sofort gewusst, um was es geht. Das Kind benutzte in der Vernehmung eigenständig die Begriffe „ficken“ und „Sperma“, konnte alles klar benennen.

Die Kripo-Beamtin beschreibt das Opfer als „kleines und zierliches Mädchen“, das äußerlich zwei Jahre jünger gewirkt habe. Sie sei quirlig und lebhaft. „Ich glaube, sie hatte keine Angst vor ihm. Es war wohl auch nie Gewalt im Spiel. Aber trotzdem wollte sie das nicht. Da war viel Gewöhnungseffekt dabei.“

Die Biografie des Angeklagten

„Meine Kindheit ist ganz normal verlaufen, ganz natürlich“, berichtet der Angeklagte außerdem über sein Leben. Seine Lehre im Einzelhandel schloss er ab, arbeitete dann jahrelang, vor allem als Leiharbeiter, in zwei Traunreuter Industriebetrieben. Insgesamt sechs Jahre lang war er mit der Ex-Frau verheiratet: „Alles war wunderbar“.

Etwa zwei Jahre nach der Hochzeit habe er aus Neugier mit Drogen angefangen, Speed, Marihuana, Legal Highs. Täglich nahm der 28-Jährige was: „Das hat meinen Charakter verändert.“ Nach zwei Jahren ließ er die Finger davon, trank dann aber dafür um die sieben Halbe Bier täglich. Trotzdem war er meist klar im Kopf, er war an den Alkohol gewöhnt.

17.10.2017 um 17.35 Uhr: Endes des Prozesstages

Ein psychologischer Gutachter ist der letzte Zeuge am Dienstag. Wie schätzt er den Angeklagten ein? Er sei kein „Kernpädophiler“, der schon immer auf Kinder orientiert gewesen wäre. Schließlich habe der Traunreuter auch während der Zeit des Missbrauchs Kontakt mit einer 19-Jährigen gehabt – ein Date war geplant. Trotzdem müsse man ihm natürlich eine Pädophilie unterstellen.

„Eigentlich steht er nicht auf Kinder, hat er zu mir gesagt“, sagt der Psychologe. Dem steht wiederum entgegen, dass er nicht nur „seine“ Kinderpornografie im Internet angeboten, sondern auch viel davon selbst heruntergeladen hat.

Gegenüber dem Sachverständigen habe der 28-Jährige auch angegeben, dass das junge Mädchen den ersten Schritt gemacht habe, ein versehentlicher Griff an den Penis, als beide angezogen waren. Dann schaukelte es sich hoch: Gemeinsam habe man am PC Porno-Animationen angeschaut – der nächste Schritt war dann die Praxis. „Er meinte, er habe sie nie gezwungen“, sagt der Sachverständige.

Trotz des Alkoholkonsums des Traunreuters gäbe es keine Hinweise, dass die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit des Angeklagten beeinträchtigt gewesen wäre. „Das Unrecht war ihm später schon bewusst, aber er hat das Mädchen nicht als Opfer betrachtet. Das ist nicht selten bei solchen Straftätern.“

Der Prozess wird für Dienstag beendet und am Mittwoch, ab 9 Uhr, mit den Plädoyers fortgesetzt. Auch das Urteil wird dann erwartet.

 

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