Sexueller Missbrauch Bis ins Kinderzimmer

Täter nutzen die digitalen Medien gezielt, um an Kinder und Jugendliche heranzukommen. Experten fordern deshalb mehr Schutz vor Cybergrooming.

Ein Drittel der Internetnutzer in Deutschland sind minderjährig, 2014 besaß sogar schon ein Viertel der 10- und 11-Jährigen ein Smartphone. Das eröffnet für sexuelle Missbrauchstäter schier unendliche Möglichkeiten, um an Kinder und Jugendliche heranzukommen, etwa über Chatrooms von Computerspielen, Whatsapp, Facebook oder Instagram.
„Das Smartphone ist das ultimative Tatmittel“, sagt die Psychologin Julia von Weiler von der Organisation „Innocence in Danger“. Es erlaube den beständigen, unmittelbaren und ungestörten Kontakt zu Opfern – bis ins Kinderzimmer hinein. Nach Angaben von Innocence in Danger unterhalten mehr als 700 000 Erwachsene in Deutschland online sexuelle Kontakte zu Minderjährigen. Der Verein beruft sich auf Ergebnisse der Regensburger Mikado-Studie, deren Fragekatalog allerdings umstritten ist. Die Universität Regensburg hatte 2014 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums bundesweit Schüler im Alter von 13 bis 16 Jahren nach ihren sexuellen Kontakten befragt, um herauszufinden, wie verbreitet sexuelle Übergriffe auf Minderjährige sind. Bayern verweigerte die Teilnahme, weil das Kultusministerium die Fragen zu heikel fanden. Eine Frage lautete etwa: „Hat dich jemals jemand dazu gedrängt, seinen Penis oder den einer anderen Person in den Mund zu nehmen?“

Über das Smartphone können Täter Kinder rund um die Uhr verfolgen

Johannes-Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, fordert, die Cyberangriffe auf Minderjährige in die Debatte über Hackerattacken und Fake News aufzunehmen. Es sei „dringend erforderlich“, schon den Versuch des „Cybergrooming“ unter Strafe zu stellen – also das Ansprechen Minderjähriger im Netz mit dem Ziel sexueller Kontakte.

 Studien aus den USA zeigen, dass im Internet auch immer mehr Kinderpornografie verbreitet wird. Das amerikanische Child Victim Identification Program hat seit 2002 mehr als 139 Millionen kinderpornografische Dateien und Darstellungen analysiert und verzeichnet von Jahr zu Jahr einen Anstieg der Zahlen. Der Internet Watch Foundation zufolge hat sich die Anzahl der eingegangenen Meldungen von Missbrauchsdarstellungen zwischen 2013 und 2015 vervierfacht. Im Jahr 2000 registrierte die Kriminalstatistik in Deutschland 1007 Fälle, in denen Kinderpornografie verbreitet wurde. 2015 waren es 2730 Fälle.

Bilder von Penissen kursieren auf den Schulhöfen

Nicht immer sind Erwachsene die Täter. Auch Gleichaltrige spielen sich sexuell freizügige Bilder und Filme auf dem Smartphone zu und leiten sie über Peer-to-peer-Netzwerke weiter, wie eine von Rörig vorgestellte Expertise ergab. In internationalen Umfragen zum Thema Sexting gaben durchschnittlich zwölf Prozent der Jugendlichen an, erotisches Material versendet oder empfangen zu haben. „Bilder von Penissen kursieren auf vielen Schulhöfen“, sagte von Weiler. Das ergebe eine Umfrage unter den Schulen, die Innocence in Danger gerade durchführe. Lehrer, Eltern und auch Beratungsstellen reagierten häufig hilflos und ahnungslos, was sexualisierte Gewalt im Netz angehe.

„Wir brauchen eine bundesweite Aufklärungskampagne“, sagte Rörig am Dienstag. Er sieht auch die Anbieter von Online-Diensten in der Pflicht: Sie sollten auf ihren Seiten gut sichtbar Beratungs- und Hilfsangebote einstellen und „niedrigschwellige Meldemöglichkeiten“ schaffen. Auch sollten sich die Anbieter verpflichten, Hinweise an die Behörden weiterzuleiten.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche über das Internet soll wirksamer bekämpft werden, fordert der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig. Es sei „dringend erforderlich“, schon den Versuch des sogenannten Cybergrooming – also das Ansprechen Minderjähriger im Netz mit dem Ziel sexueller Kontakte – unter Strafe zu stellen, sagte Rörig.

Dimension von Missbrauch im Internet wird unterschätzt

Die Dimension des Problems wird nach Ansicht von Experten in der Öffentlichkeit erheblich unterschätzt. Julia von Weiler, Psychologin bei der Organisation „Innocence in Danger“, spricht von mehr als 700.000 Erwachsenen in Deutschland, die sexuelle Online-Kontakte zu Kindern hätten.

„In der aktuellen Debatte um die digitale Sicherheitsarchitektur müssen auch die sexuellen Cyberattacken gegen Kinder und Jugendliche in den Fokus genommen werden“, forderte Rörig daher in Berlin. Notwendig sei eine Agenda für digitalen Kinder- und Jugendschutz, mehr Forschung, Prävention und Hilfen bei sexueller Gewalt mittels digitaler Medien.

Missbrauch reicht von Sexfotos bis zu Kinderprostitution

Rörig stellte eine Studie mit dem Titel „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“ vor. Dort listen Experten des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) verschiedene Formen der Grenzverletzung auf. Das Spektrum reicht von der unfreiwilligen Konfrontation mit sexuellem Bildmaterial über sexuelle Annäherung bis zur Anbahnung von Kindersextourismus und Kinderprostitution.

Online-Dienste sollten verpflichtet werden, geschützte Nutzungsräume für Kinder und Jugendliche zu schaffen, Beratungs- und Hilfsangebote auf ihren Seiten gut sichtbar einzustellen sowie einfache Meldemöglichkeiten zu bieten, forderte Rörig. Anbieter sollten sich auch selbst verpflichten, Hinweise an die Strafverfolgung oder Beschwerdestellen weiterzuleiten.

Jugendliche können auch Täter sein

Der Kriminologe und Cybergrooming-Experte Thomas-Gabriel Rüdiger bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion: Er betont, dass Kinder und Jugendliche nicht nur Opfer seien, sondern immer häufiger selbst zu Tätern würden. Inzwischen sei jeder dritte Tatverdächtige in diesem Bereich selbst Kind oder Jugendlicher – zehn Prozent Kinder, 25 Prozent Jugendliche. Der Trend zu jüngeren Tätern verstärke sich. „Vor fünf Jahren war der durchschnittliche Täter im Internet noch über 30, heute ist er unter 30“, sagte der Experte von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg.

Anbahnung über populäre Online-Spiele

Mehr Aufklärung müsse her, auch darüber, dass Täter sich nicht nur in Chat-Programmen tummelten, sondern inzwischen auch in Online-Spielen, die auf den ersten Blick unverdächtig und kindgerecht erscheinen. Im Dezember 2016 etwa wurde ein Koch in Düsseldorf wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Jungen aus der Schweiz zu fünf Jahren Haft verurteilt. Täter und Opfer hatten sich laut Anklage über das Onlinespiel „Minecraft“ kennengelernt.

Ebenfalls im Dezember wurde der Fall eines 32-Jährigen aus Niedersachsen bekannt, der in dem für alle Altersstufen freigegebenen Onlinespiel „Moviestarplanet“ 122 Kinder zwischen sieben und 13 Jahren dazu gebracht haben soll, ihm Nacktbilder und -videos zu schicken.

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