Oldesloer gesteht sexuellen Missbrauch im Netz – Ahrensburger Richter verhängt Bewährungsstrafe gegen 33-Jährigen. Kinderpsychiater erklärt, warum Mädchen im Internet zu Opfern werden.

Ahrensburg.  „Ein schlimmer Erwachsener, der die Anonymität des Internets und die Naivität von Mädchen ausnutzt, um sich zu befriedigen.“ Mit diesen Worten fasst Richter Ulf Thiele die Taten eines 33 Jahren alten Oldesloers zusammen, der am Dienstag in Ahrensburg wegen sexuellen Missbrauchs von zwei 13 Jahre alten Mädchen zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt wurde.

Der Angeklagte legte gleich zu Beginn der Verhandlung ein umfassendes Geständnis ab und ersparte so den Opfern eine Aussage vor Gericht. Es sei für ihn eine Art Kick gewesen, live in Internetforen sich selbst zu befriedigen. „Es hat mich erregt, wenn andere es sehen“, sagt Mirko K. (Name geändert). Bei solchen Liveübertragungen hätten bis zu sechs Menschen zugesehen. Auch die beiden Mädchen lernte K. in derartigen Internetforen kennen. „Ich bekam von einem Komplimente, so ist der Kontakt entstanden“, sagt der Mann mit den braunen Haaren und dem verwaschenen blauen Pullover.

Die Eltern eines Opfers entdeckten die Tat

Mit einem Mädchen aus Hanau (Hessen) hielt er mehrere Monate Kontakt, beide skypten, machten also Videotelefonie über das Internet. Zudem schickte die 13-Jährige ihm Videos, in denen sie sexuelle Handlungen an sich vornimmt. Auch er sendete dem Mädchen derartige Filme von sich. Erst durch die Eltern des Kindes wurde die Tat bekannt. Sie brachten den Computer ihrer Tochter 2016 zur Polizei in Hessen. Die Ermittler stießen bei der Auswertung auf den Angeklagten.

Auch sein Rechner und sein Smartphone werden beschlagnahmt. „Wir haben auf seinem Computer sehr viel Pornografie gefunden“, sagt eine Ermittlerin. Junge Mädchen seien dabei eher die Seltenheit gewesen. Auf dem Smartphone finden die Ermittler jedoch auch einen Whats­App-Chat mit einem Mädchen. Beide haben sich intime Fotos geschickt. „Wir haben dann Kontakt zu der Mutter in Göttingen aufgenommen“, sagt die Polizisten.

„Wussten Sie, dass beide jünger als 14 Jahre sind?“, möchte Richter Thiele von K. wissen, der die Frage bejaht: „Es hat mich ins Grübeln gebracht, aber es hat mich nicht abgehalten.“

Mit dem Internet ist die Hemmschwelle gesunken

Doch was bringt Mädchen dazu, sich in solchen Chaträumen aufzuhalten und Männern, die sie nicht kennen, intime Aufnahmen von sich zu schicken? Michael Schulte-Markwort, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und im Altonaer Kinderkrankenhaus, kennt dieses Phänomen. „Früher sind Kinder und Jugendliche über die Printmedien mit Pornografie in Kontakt gekommen.“ Mit dem Internet habe jedoch die Qualität und vor allem die Quantität zugenommen und es gehe alles auch viel schneller. „Zudem ist die Hemmschwelle für Männer geringer geworden, Mädchen anzusprechen“, sagt der Kinderpsychiater. „Sie nutzen die Anonymität.“

Auch Mirko K. bestätigt auf Nachfrage des Richters, dass er sich selbst nie getraut hätte, eine 13-Jährige in der Öffentlichkeit anzusprechen. Zudem nutzten laut Schulte-Markwort die Männer auch die „ganz große Naivität junger Mädchen“ aus. „Diese fühlen sich geschmeichelt und ernst genommen“, sagt der Mediziner und fügt hinzu: „Auch das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, ist für viele in solchen Fällen aufregend. Dabei übersehen die Mädchen, was mit ihnen gemacht wird.“ Für Kinder in der Pubertät könnten solche Internetbekanntschaften aber auch nur ein Abenteuer sein.

Der Angeklagte wird im Sommer erstmals Vater

Schulte-Markwort beobachtet jedoch, dass die Zahl der Kinder, die nach solchen Internetbekanntschaft in therapeutische Behandlung müssen, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. „Dabei gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus, die es aber auch schon zuvor gab. Allerdings müssen wir heute mit einer noch deutlich höheren Quote rechnen.“

Denn viele realisierten erst nach den Taten, was mit ihnen passiert ist. Besonders problematisch wird es für die Betroffenen, wenn ihre Aufnahmen weiter verbreitet werden – und besonders dramatisch, wenn diese im Bekanntenkreis auftauchen. „Das ist eine intime Situation, in der sich plötzlich ein Vorhang öffnet und Tausende sehen zu. Das löst tiefe Scham aus und ist traumatisch für die Betroffenen“

Deswegen rät der Arzt, dass Eltern mit ihren Kindern über die Selbstdarstellung im Internet sprechen. Und darüber, was mit Fotos und Videos alles passieren kann. Ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Kindern sei wichtig. Auch ein Kinderschutz sollte am Computer installiert sein.

Richter Ulf Thiele sagte zum Angeklagten: „Auch Sie sollten ihrem Kind den vernünftigen Umgang mit Medien beibringen.“ Mirko K. wird in diesem Sommer zum ersten Mal Vater. Seine Partnerin, mit er seit 2014 zusammen ist, begleitete das Verfahren gegen ihren Verlobten, der das Urteil nickend zur Kenntnis nahm.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*