Sexueller Missbrauch von Stieftöchtern: Angeklagter bittet bei Gericht um milde Strafe – Prozess wird fortgesetzt

Köthen –

Es war eine zähe Arbeit, die Susanne Vogelsang und Susanne Helbig gestern vormittag im Saal 1 des Köthener Amtsgerichtes zu verrichten hatten. Zäh deshalb, weil sowohl die Richterin Vogelsang als auch die Oberstaatsanwältin Helbig tiefer in das Motivations- und Handlungsgeflecht eindringen wollten, aus dem sich die Causa Andreas X.* zusammensetzt.

Und zwar, was dessen Taten angeht als auch die Umstände, die dazu geführt haben, dass sich X. im Dezember 2014 bei der Polizei selbst anzeigte.

Mann aus Aken steht wegen Missbrauch vor Gericht

Inzwischen steht der Mann aus Aken wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs seiner minderjährigen Stieftöchter vor Gericht. X. hat sich geständig gezeigt. Er hat – wie es im Juristendeutsch heißt – den Tathergang umfänglich und zutreffend beschrieben.

Die Taten ereigneten sich in den Jahren 1995 bis 2003. Zunächst tat X. der älteren Stieftochter Dariella * sexuelle Gewalt an, später auch der jüngeren Ariadne*. Als sich die ersten Vorfälle ereigneten, waren die Mädchen jeweils 12 oder 13 Jahre alt.

Angeklagter bittet um milde Strafe

Der Angeklagte hat sie nicht nur unsittlich berührt, sondern die Mädchen auch penetriert und in wenigstens einem Fall zum Oralverkehr gezwungen. Beide Mädchen haben sich zu wehren versucht, haben die Beine zusammengepresst, geweint – sie haben den Angeklagten aber nicht von seinen Taten abbringen können.

Über seinen Anwalt Lutz Lehmann lässt Andreas X. um eine milde Strafe bitte. Ein Wunsch, der auf den Zuschauerbänken Raunen auslöst. Das noch einmal aufkommt, als Verteidiger Lehmann mitteilt, dass der Angeklagte bereit sei, sich bei den Opfern zu entschuldigen („Er würde das gerne ungeschehen machen.“), sollten die beiden für den nächsten Termin geladen werden.

Stieftöchter sollen demnächst als Zeugen aussagen

Eigentlich aber, findet der Rechtsanwalt, sei die Einvernahme von Dariella und Ariadne als Zeuginnen nicht nötig. „Es bedarf keiner weiteren Beweise für die Tat.“

Richterin Vogelsang macht in diesem Punkt aber wenig Hoffnung: „Ich bin nicht sicher, dass ich auf Zeugen verzichten kann“, stellt sie fest.

Und tatsächlich wirkt an diesem Tag zumindest der Zeugenauftritt der Mutter der beiden geschädigten Kinder ein Stück weit erhellend, was die Hintergründe der Taten angeht. Sohn Valerian *, der auch als Zeuge gehört wird, kann dagegen nichts beisteuern.

Geschah die Tat aus Eifersucht?

„Ich kann es nicht mehr nachvollziehen“, sagt Andreas X., als er auf die Gründe angesprochen wird. Da ist von Eifersucht die Rede, auf irgendeinen nicht genauer definierten Onkel. Davon, dass X. erreichen wollte, von den Mädchen geliebt zu werden.

„Durch sexuellen Kontakt?“ – so die ungläubige Nachfrage. Auch wenn sich alle bemühen, den Schleier zu lüften – die letztendliche Motivation wird nicht vollständig deutlich. Was zutage tritt ist eine Melange aus Dominanzanspruch, Unterwerfungslust und sexueller Befriedigung.

Selbstanzeige war vermutlich nicht ganz freiwillig

Zutage tritt durch den Zeugenauftritt der Mutter, die 20 Jahre lang mit dem Angeklagten zusammengelebt hatte, aber auch, dass die Selbstanzeige nicht wirklich freiwillig zustande kam.

Am Nikolaustag 2014 hatte Karina Q.* von dem Missbrauch erfahren, hatte X. zur Rede gestellt und dieser hatte alles sofort zugegeben. Woraufhin Mutter und Töchter dem Angeklagten ein Ultimatum stellten – „Die Mädchen erwarten, dass du dich stellt.“ Was X. auch tat – aber erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand.

Signale wurden von der Mutter nicht ernst genommen

Zutage tritt auch, dass es durchaus schon vorher Signale gegeben hat, die auf ein zumindest problematisches Verhältnis von X. zu seinen Stieftöchtern schließen lassen. Und schon im Juni 2013 hatte die ältere ihrer Mutter verklausuliert mitgeteilt, dass sie missbraucht worden sei.

Allerdings ohne dass Kerstin Q., die mit dem Angeklagten immerhin auch ein gemeinsames Kind hat, dies so ernst genommen hätte, wie es notwendig gewesen wäre – weshalb sie sich heute Vorwürfe macht.

Die Verhandlung gegen Andreas X. wird am 10. Mai fortgesetzt.

*die Namen des Angeklagten, der Opfer und der Zeugen wurdendurch die Redaktion geändert.

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