Prozess um sexuellen Missbrauch – Überraschendes Geständnis mit großen Folgen

Ingolstadt (DK) Für sein letztes Wort vor der Urteilsfindung des Jugendschöffengerichts findet der Angeklagte selbst keine Worte mehr. Zu beschämt ist er offenbar über seine Tat. Er schüttelt nur den Kopf. Dann ziehen sich Richter Christian Schilcher sowie die beiden Schöffen zurück.

Zu diesem Zeitpunkt ist längst klar: Die Bewährungsstrafe, die sie nach nicht einmal einer Viertelstunde Beratung verkünden, ist zwar ein Zeichen des Rechtsstaats, sie ist aber nur eine vergleichsweise kleine Folge dieses Familiendramas. „Er hat einen großen Fehler gemacht“, sagt Richter Schilder. „Ich hätte deshalb die große Bitte, dass die Familien eine Lösung finden, und er nicht einfach geächtet wird.“

Adressat der letzten Worte des Richters sind die Angehörigen des 32-jährigen Hauswirtschafters aus dem Ingolstädter Norden sowie die seines 13-jährigen Opfers, die alle auf den Zuhörerbänken im Sitzungssaal des Amtsgerichts Platz genommen haben.

Vor ihnen allen hat der Angeklagte an diesem Tag zugegeben: Jawohl, er hat das Mädchen – da sie unter 14 Jahre alt ist, rechtlich ein Kind – sexuell missbraucht. Das Gericht verhängt dafür eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten, die aber zur Bewährung ausgesetzt wird, sowie zur Zahlung von 1500 Euro Schmerzensgeld.

Der Verurteilte selbst ist zweifacher Vater, seine Lebensgefährtin ist die Tante der 13-Jährigen, die immer wieder bei der Familie übernachtete; so auch heuer am 8. September auf dem Sofa der Wohnung im Ingolstädter Nordwesten. Mitten in der Nacht soll der „Onkel“ das schlafende Kind dabei mit der Hand im Intimbereich berührt haben. Als es aufwachte, habe er aber abgelassen. So steht es in der Anklage der Staatsanwaltschaft. So gestand es der Angeklagte völlig überraschend in der gestrigen Verhandlung auch ein. Damit ersparte der Mann dem Kind auch die Aussage vor Gericht. „Das Geständnis ist ihm hoch anzurechnen“, sagte Richter Schilcher. In dieser Deutlichkeit habe er das auch eher selten überlegt. „Dass sich jemand trotz der Problematik, die jetzt familiär auf ihn zukommt, hinstellt und das zugibt.“ Es sei gewiss keine Tat, auf die man stolz sei und sein könne, so Schilcher.

„Das Geständnis wird Folgen in der Familie haben“, prognostizierte auch Verteidiger Jochen Ringler. „Seine Frau wird ihm viele Fragen stellen.“ Vielleicht müsse sein Mandant auch „nachfühlen und nachforschen, was ihn dazu getrieben hat“. In diese Richtung stieß ebenfalls das Gericht vor, das dem Verurteilten einen Bewährungshelfer zur Seite stellt. Richter Schilcher warb dafür, „vertrauensvoll“ mit diesem zusammenzuarbeiten – gerade wenn es jetzt vielleicht Probleme in der Familie mit schweren Vorwürfen und Auseinandersetzungen gebe. Der 32-Jährige solle seine Tat auch einmal einem Therapeuten schildern. „Ob dann gleich eine ganze Therapie dabei herauskommt, ist ja was ganz anderes“, so der Richter.

Die Aufarbeitung scheint dringend ratsam: Denn das Mädchen schaue ganz normal wie ein Kind in diesem Alter aus, und nicht, so Schilcher, „wie ein Vamp“, sodass man sie für deutlich älter halten könnte.

Die 13-Jährige selbst muss die Tat auch noch für sich verarbeiten. Sie fühlten sich in der Wohnung der Tante natürlich bis dahin sicher und beschützt. „Es geht ihr nicht gut. Sie leidet schon noch darunter“, sagte Rechtsanwältin Elke Meßmer, die als Nebenklagevertreterin agierte. „Aber es wird sich wieder geben.“

Das Mädchen hatte sich nach jener Nacht den Eltern anvertraut, die mit ihm zur Polizei gingen und Anzeige erstatteten. Die Ermittler der Kriminalpolizei ließen den Beschuldigten gleich festnehmen: Der 32-Jährige, zwar nicht einschlägig, aber schon wegen einer Körperverletzung verurteilt worden war, saß bis gestern zwei Monate in Untersuchungshaft. Diese dürfte ihn nachdrücklich beeindruckt haben, schließlich stehen „Kinderschänder“ auf der Rangliste der Gefangenen ganz unten.

Das Amtsgericht konnte er als zunächst freier Mann auf Bewährung verlassen. Wie es in der Familie weitergehen könnte, deutete der Vater des Opfers an. Von der Zuschauerbank aus sagte er in den Raum: „Wir müssen uns alle mal an einen Tisch setzen.“

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