Sexueller Missbrauch in Moscheen

Eine Familie berichtet, was ein Koranlehrer ihrem Kind angetan hat. Ein Libyer erzählt, was er Grausames in Moscheen erlebt hat. Damit sind sie einige der ganz wenigen, die das Schweigen brechen.

Der Sechsjährige hat der Mutter erst Stunden später erzählt, was ihm angetan wurde. Er berichtete es ihr auch nur, weil seine Verletzungen nicht zu verbergen waren. Der Koranlehrer hatte dem Jungen gedroht, ihn und seine ganze Familie umzubringen, wenn er darüber redet.

„Er sagte: Der Koranlehrer hat mich auf die Toilette mitgenommen, weil er dort Kekse und Saft für mich versteckt hatte“, berichtet die Mutter. Sie möchte zum Schutz ihres Kindes anonym bleiben. Auf der Toilette habe der Lehrer das Kind dann ausgezogen.

Die Eltern rufen die Polizei und den Rettungsdienst. Im Arztbericht heißt es: Verdacht auf Vergewaltigung. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen Vollzuges des Beischlafs oder ähnlicher sexueller Handlungen mit einem Kind. Der Sechsjährige ging vor der Tat schon ein knappes halbes Jahr in die Koranschule einer Berliner Moschee – immer samstags. Insgesamt 70 Kinder werden dort unterrichtet. Der Täter war sein Lieblingslehrer.

 

Ist das ein Einzelfall? MDR-exakt recherchiert: Die Redaktion fragt alle Polizeidienststellen größerer Städte in Deutschland an. Das Ergebnis: nur vier angezeigte Fälle in den letzten fünf Jahren. Doch der muslimische Arzt Mimoun Azizi meint: Kindesmissbrauch in Moscheen ist ein durchaus relevantes Problem. Ihm als Neurologe und Psychiater berichten Erwachsene, was man ihnen als Kinder angetan hat.

„In den letzten 15 Jahren ist es eben häufiger vorgekommen, dass ich dann Patienten behandelt habe, die tatsächlich auch missbraucht worden sind“, sagt Azizi. Dieses Problem gebe es nicht nur bei deutschen Muslimen, sondern er habe es auch bei Flüchtlingen beobachtet. Einige hätten berichtet, dass sie dies in den jeweiligen Ländern ähnlich erlebt haben.

Genau das berichtet in Leipzig ein junger Mann aus Libyen MDR-exakt. Seit er fünf Jahre alt war, ging er in seiner Heimat in die Koranschule. Dort wurde er viele Jahre lang missbraucht. Und er war nicht der Einzige. „Es war immer in der Toilette der Moschee. Dort habe ich auch gesehen, wie die anderen Kinder vergewaltigt wurden. Ich bin dann in eine andere Koranschule gegangen, dort war es aber dasselbe. Ich hasse diese Schulen.“

Darüber reden fällt den Opfern schwer

Er geht davon aus, dass auch hier in Deutschland Imame und Koranlehrer Kinder missbrauchen. „Die Religion verhindert, dass die Leute darüber reden, weil der Imam heilig ist. Deshalb kann er machen, was er will“, sagt das Missbrauchsopfer. Die betroffenen Familien würden es allerdings vertuschen. Ebenso die betroffenen Menschen, die in Deutschland leben. „Sie leben ja immer noch in ihrer Kultur, sie können über sowas nicht reden.“

Darüber zu reden fällt den Opfern extrem schwer. Dass Kinder in Moscheen missbraucht werden, daran zweifelt der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, nicht. Er kümmert sich seit den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche um Prävention und Aufarbeitung von sexueller Gewalt gegen Kinder. Er sagt: „Aus heutiger Sicht wissen wir, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im kirchlichen Kontext, im christlichen Kontext, über Jahrzehnte verschwiegen worden ist.“

Begünstigende Strukturen für sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind immer Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, geschlossene Strukturen, in denen es machtvolle einzelne Personen gibt. Und begünstigend ist auch, wenn Sexualität mit einem starken Tabu belegt ist.

Johannes-Wilhelm Rörig

Inzwischen kooperieren die Kirchen, was die Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch angeht. Wie viele Sport- und Kulturverbände haben sie eine Schutzvereinbarung mit dem Beauftragten abgeschlossen. Damit verpflichten sie sich etwa, dass alle Mitarbeiter, denen Kinder anvertraut sind, ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen und dass es regelmäßige Schulungen zum Thema sexuelle Gewalt gibt. Zudem müssen Personen benannt werden, an die sich Betroffene wenden können.

Dieses Jahr hat der Zentralrat der Muslime eine Vereinbarung mit dem Missbrauchsbeauftragten unterschrieben, ein solches Schutzkonzept umzusetzen. Bislang als einziger muslimischer Verband. Nach unserer Anfrage zeigen nun plötzlich auch die anderen Verbände Gesprächsbereitschaft.

Absolutes Tabuthema: Die Leidtragenden sind die Opfer

Dieser erste Schritt und ein offener Umgang mit diesem Thema sind dringend notwendig. Denn sexueller Missbrauch von Kindern – erst recht im Zusammenhang mit Moscheen oder Imamen – ist unter Muslimen ein absolutes Tabu. Die Leidtragenden sind die Opfer –  wie der Sechsjährige aus Berlin. Seine Mutter erlebt ihn nach der Tat als vollkommen verändert: „Er hat Angst, wenn ich ihn ausziehe, schreckliche Angst. Es hat drei Tage gedauert, bis ich ihn baden konnte. Es muss jetzt immer jemand mit ihm auf die Toilette, er will nicht alleine gehen. Und er hat immer schreckliche Angst, auch wenn er schläft, er schreit im Schlaf.“

Nach Angaben der Familie habe der Vorstand der Moschee ihnen viel Geld geboten, wenn sie schweigen. Als sie dennoch die Polizei riefen, setzte der Täter sich sofort ins Ausland ab. Die Familie möchte das Schweigen brechen  – auch wenn sie zum Schutz ihres Kindes anonym bleiben wollen.

„Ich erhoffe mir von diesem Interview, dass, wenn andere Kinder in Moscheen missbraucht wurden, dass sie sich bei den Eltern melden“, erklärt die Familie des Sechsjährigen. „Oder die Eltern, hört mich, es ist nicht so schlimm, ihr könnt zur Polizei, zum Krankenhaus gehen. Ihr könnt anonym sein, so wie wir.“ Denn bislang gibt es für betroffene Muslime so gut wie keine Beratungsstellen, auch speziell geschulte Therapeuten fehlen.

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