Amtsgericht Bautzen Lügendetektor soll Missbrauchsfall aufklären

Im Missbrauchs-Prozess in Bautzen soll ein Lügendetektor Klarheit bringen. Bildrechte: dpa

Ein Mann zeigt seinen Bruder wegen Kindesmissbrauch an. Dieser bestreitet es und will den Lügendetektor-Test. Sex gab es trotzdem – mit der Mutter des Kindes und das auf ungewöhnliche Art.

Antiquiert wirkt die bronzefarbene Maschine mit den klobigen Knöpfen und Hebeln. Vier lange Messarme schweben über einem Stück Papier – bereit, Linien zu ziehen, wenn die Befragung per Lügendetektor beginnt. Man denkt unweigerlich an alte amerikanische Krimiserien.

Bei 92 Prozent liege die Trefferquote, sagt die Rechtspsychologin Gisela Klein. Mehr als 1.000 Befragungen hat die Forensikerin mit einem Lügendetektor gemacht. Diesmal ist sie mit dem sogenannten Polygraphen von Köln extra nach Bautzen angereist. Das Gerät soll am Amtsgericht mehr Klarheit in ein Strafverfahren bringen, bei dem Aussage gegen Aussage steht und es weder unbeteiligte Zeugen noch Spuren der Tat gibt. Es geht um den schwerwiegenden Vorwurf des Kindesmissbrauchs innerhalb einer Familie.

Guter Draht zu dem Kind

Angeklagt ist ein 44-Jähriger aus Göda. Ihm wird vorgeworfen, bei einem Besuch in der Schweiz im November 2013 einer Neunjährigen zwischen die Beine gefasst zu haben, mit dem Versuch, sich an ihr zu vergehen. Bei dem Kind handelt es sich um die Tochter der Lebensgefährtin seines Bruders.

Der Angeklagte bestätigte beim Prozessauftakt am Dienstag, dass er zum fraglichen Zeitpunkt tatsächlich Gast bei seinem Bruder war. Er habe mit dem Mädchen an dem Abend im Schlafzimmer der Eltern einen Film angesehen. „Es gab keine sexuellen Übergriffe während dieser Zeit“, beteuert der Angeklagte. In der weiteren Befragung durch Richter Dirk Hertle berichtete der Angeklagte, dass die Kleine sehr vernarrt in ihn gewesen sei. Er habe zu ihr einen guten Draht gehabt. Besser als sein Bruder, wie der ihm manchmal gesagt habe, als das Verhältnis zwischen den Brüdern noch in Ordnung war.

Blase von der heilen Welt geplatzt

Und auch um das Verhältnis zwischen dem Angeklagte und der Lebensgefährtin des Bruders war es offenbar nicht schlecht bestellt. Sie hatten sich zwischen 2013 und 2014 über Monate hinweg intime Nachrichten und Nacktfotos geschickt. „Wir hatten SMS-Sex“, gesteht die Lebensgefährtin. Angefangen habe es damit, dass sie mit ihrem Schwager in spe über ihre Beziehungsprobleme gesprochen habe, sagte die 37-Jährige. Sie sei von ihrem Partner öfter geschlagen worden, auch in Gegenwart ihrer Tochter. Als die Tochter ihr allerdings im Frühjahr 2014 von dem Missbrauch erzählte, habe sie den Kontakt sofort abgebrochen. Sie berichtete auch ihrem Partner davon und beichtete ihm im gleichen Moment die SMS-Beziehung. Ob die Kleine damals Zugang zu ihrem Telefon hatte, fragte der Richter die Mutter. Nein, das glaube sie nicht.

Letztlich war es ihr gehörnter Partner, der seinen Bruder einige Zeit später wegen Kindesmissbrauchs anzeigte. Der war trotz Vorladung als Einziger nicht zum Gerichtstermin erschienen. Er müsse sich in der Schweiz um den Hund kümmern, entschuldigte ihn spontan die Lebensgefährtin. Dafür erntete sie Unverständnis. „Wenn dadurch der ganze Prozess platzt, müssen Sie und Ihre Tochter die ganzen Befragungen noch einmal durchmachen“, machte Richter Hertle deutlich.

Aus einer Familie sind zwei Lager geworden

Die 14-jährige Tochter war am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit angehört worden. Ausgesagt haben auch die Eltern der beiden Brüder, die auf der Seite des Angeklagten stehen. Schuld an allem hätte demnach die Schwiegertochter in spe.

Jeder in der Familie hat seine Version. Deshalb haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung für die Hauptverhandlung den Test mit dem Lügendetektor angeordnet – auf freiwilliger Basis des Angeklagten. „In vielen Strafverfahren wie diesem steht oft die Aussage des Opfers gegenüber der Einlassung des Angeklagten. Weitere Beweise sind oft nicht vorhanden. Da ist es wichtig, ein Hilfsmittel zu haben, um Glaubwürdigkeit des Zeugen beurteilen zu können“, begründet Markus Kadenbach, Direktor des Bautzener Amtsgerichts, diesen Schritt.

Der Prozess geht am 26. Oktober weiter. Dann wird der Bruder des Angeklagten wiederholt zur Aussage vorgeladen. Und Gisela Klein wird wieder nach Bautzen reisen, um ihre Ergebnisse aus dem Lügendetektor-Test auszuwerten.

Die Beweiskraft von Lügendetektoren ist umstritten. So steht der Bundesgerichtshof polygrafischen Untersuchungen kritisch gegenüber. Hingegen wird diese Untersuchungsmethode zunehmend in Familiensachen in Auftrag gegeben. Dabei geht es meist um die Klärung, ob ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat oder nicht. Das Amtsgericht Bautzen hatte vor vier Jahren in einem anderen Verfahren den Polygrafentest durchgeführt. Der Angeklagte wurde damals freigesprochen.

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