Berliner Kinderschänder-Netzwerk Sieben Jahre, 426 Fälle – und endlich ein Prozess

Der Weddinger Jens B. soll Kopf eines Pädophilen-Rings sein, der jahrelang Jungen im Alten zwischen 6 und 13 Jahren missbrauchte.

Es geht um sexuellen Missbrauch und Menschenhandel in mehr als 400 Fällen. Jens B. (51, genannt „Marco“), damals Bauunternehmer, und Ex-Polizist Harald W. (53, „Harry“) aus Wedding sollen zum Kern eines Berliner Pädophilen-Netzwerkes gehört haben. Am Freitag begann der Prozess vorm Landgericht.

Sieben Jahre lang sollen Jungen zwischen 6 und 13 Jahren aus sozial schwierigen Verhältnissen gegen Geld missbraucht worden sein. Manchmal auch von Freiern, an die sie weitergereicht wurden. Dem Hauptangeklagten Jens B. werden 379 Taten zur Last gelegt. Sieben der 13 Opfer sind Nebenkläger.

Zu Beginn verliest die Staatsanwältin die Anklage – fünfeinhalb Jahre, nachdem ihre Behörde die Ermittlungsakten bekam. In der Zwischenzeit ist ein Tatverdächtiger gestorben, zwei weitere (80, 78) sind verhandlungsunfähig. Die beiden verbliebenen Angeklagten wirken gelassen, Jens B. blättert ab und an in Papieren.

„Er verschaffte sich Zugang zu den Familien, in denen die Kinder lebten. Indem er bei Einkäufen und anderen Angelegenheiten aushalf sowie finanzielle Unterstützung lieferte“, so die Staatsanwältin.

Es beginnt 2002 mit Hasib (damals 6). Jens B. soll mit ihm in den Landschaftspark Herzberge gefahren sein. Es folgten andere Jungen, andere Tatorte: mal ein VW-Bus, mal Keller oder Sauna des Einfamilienhauses von B.s Mutter in Oberhavel, mal Wohnungen von Komplizen. 15 bis 80 Euro sollen die Kinder für den Sex bekommen haben.

Ex-Polizist Harald W. sagte einem B.Z.-Reporter im August 2016: „Es tut mir um die Opfer leid. Ich bin krank, und die Jungs sind es jetzt auch.“ Für ihn könnte es ein kurzer Prozess mit der Einstellung der Vorwürfe werden. Er hat bereits wegen schweren sexuellen Missbrauchs dreieinhalb Jahre abgesessen, inzwischen eine Therapie und ein Resozialisierungsprogramm begonnen.

Bei Jens B. sprach die Kammer schon von einem möglichen Strafabschlag „wegen nicht unerheblicher Verfahrensverzögerung“. Sollte er gestehen und den Jungen eine Aussage vor Gericht ersparen, dürften weitere Milderungsgründe dazukommen. Fortsetzung: Dienstag.

Warum sind die Angeklagten nicht in U-Haft?

Es gibt drei Gründe für U-Haft: Fluchtgefahr, Verdunkelungsgefahr (z. B. Zeugenbeeinflussung) und Wiederholungsgefahr. Alle diese Gründe sieht das Gericht im aktuellen Prozess offensichtlich nicht.

Jens B. (51) ist nicht vorbestraft. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er Zeugen beeinflussen könnte. Und bei der zu erwartenden Strafe (anders als bei einem Mörder, den lebenslängliche Haft erwarten kann) ist eine Flucht unwahrscheinlich.

Er wurde nach kurzer Zeit in Untersuchungshaft (23. April 2015 bis 16. Juni 2015) unter Auflagen haftverschont: Jens B. muss sich in festgelegten Abständen bei seinem Polizeirevier melden. Das hat er bisher auch getan. Hätte er gegen diese Auflage verstoßen, wäre B. wieder in Untersuchungshaft gekommen. Außerdem musste Jens B. seinen Ausweis abgeben.

Harald W. saß bis April 2012 eine Strafe wegen schweren sexuellen Missbrauchs ab. Inzwischen befindet er sich in Therapie. Im aktuellen Verfahren bekam er keinen Haftbefehl mehr, weil die Fälle hier im zeitlichen Zusammenhang zu seinen damaligen stehen. Das Gericht hätte die Taten auch zu einer Gesamtstrafe zusammenfassen können. Da Harald W. die Strafe aber bereits abgesessen hat, ist das nicht möglich.

Die U-Haft soll keine vorweggenommene Strafe sein, sondern einzig der Verfahrenssicherung dienen. Solange ein Angeklagter nicht verurteilt ist, gilt die Unschuldsvermutung.

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