Brutale Bluttaten in Herne – Marcel H. droht ein Urteil, das es noch nie gab

Unzählige Blumen und Trauerbekundung vieler Menschen vor dem Elternhaus des neunjährigen Jaden zeugen von der großen Anteilnahme, die die Bluttaten in Herne auslösten. Der 19-jährige Marcel H. gilt als dringend Tatverdächtiger. Er stellte sich vergangene Woche der Polizei und gab in Vernehmungen zwei Morde zu.

Mit großer Spannung wird nun das Verfahren gegen den jungen Mann erwartet. Viele erhoffen sich Einblicke in die Motivlage für diese schwer begreifbaren Taten. FOCUS Online sprach mit dem erfahrenen Strafverteidiger Jesko Baumhöfener, wie so ein Verfahren aussehen und welches Urteil H. drohen könnte.

Zur Person

Dr. Jesko Baumhöfener ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht in Hamburg. Seine Erfahrung als Strafverteidiger gibt er als Lehrbeauftragter für Strafprozessrecht an der Universität Hamburg weiter.

1. Die erste Weichenstellung

Wird H. aufgrund seines Alters nach Jugendstrafrecht oder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt? Mit 19 Jahren befindet er sich genau an der Schwelle: Er gilt als sogenannter Heranwachsender. „Für die Entscheidung müssen die Lebensumstände betrachtet werden“, erklärt Baumhöfener. „Da geht es um Fragen wie: Wie selbstständig ist er?“ Eine Rolle könnte spielen, dass H. als Zeitsoldat von der Bundeswehr abgelehnt worden war, noch bei seinen Eltern lebte und nach dem Abgang von der Realschule auf ein Berufskolleg wechselte, dort aber offenbar isoliert von anderen Mitschülern war.

2. Erwachsenenstrafrecht: Mindestens 15 Jahre

Sollte H. nach Erwachsenenstrafrecht wegen Mordes verurteilt werden, so droht ihm lebenslänglich – das sind nach deutschem Recht 15 Jahre Gefängnis. Das Gericht könnte auch die besondere Schwere der Schuld feststellen. Das würde bedeuten, dass er nicht automatisch nach 15 Jahren entlassen wird. „Im Durchschnitt werden bei Mord 20 Jahre Freiheitsstrafe vollsteckt “, sagt Baumhöfener. „Es gibt auch Mörder, die noch länger in Haft verbringen.“ Entscheidend sind auch ein psychiatrisches Gutachten und die Frage, wie er therapiert werden könnte, sollte ein entsprechender Defekt festgestellt werden. Die Richter könnten auch Sicherheitsverwahrung verfügen, wenn sie überzeugt sind, dass er auch nach der Haft eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen könnte.

3. Jugendstrafrecht: Ein bislang einzigartiges Urteil?

Im Jugendstrafrecht liegt die Höchststrafe normalerweise bei zehn Jahren. 2012 wurde das Strafrecht für Heranwachsende allerdings erweitert: Nach § 105 (3) des Jugendgerichtsgesetzes heißt es: „Handelt es sich bei der Tat um Mord und reicht das Höchstmaß nach Satz 1 wegen der besonderen Schwere der Schuld nicht aus, so ist das Höchstmaß 15 Jahre.“ Im Fall Marcel H. könnte aufgrund der besonderen Motivlage dieser Tatbestand erfüllt sein. Baumhöfener: „Dieses Urteil wäre ein Novum.“ Das Jugendstrafrecht geht vom Erziehungsgedanken aus. Es soll verhindern, dass H. eine derartige Tat wiederholt. Deswegen würde sich das Gericht auch mit der Frage beschäftigen müssen, wie man am besten erzieherisch auf H. einwirken könnte.

4. Welche Faktoren beeinflussen den Urteilsspruch?

Damit ein Angeklagter wegen Mordes verurteilt werden kann, muss die Staatsanwaltschaft bestimmte Mordmerkmale nachweisen. Bei Marcel H. kommen offensichtlich mehrere Merkmale in Betracht.

  • Mordlust:  Handelte H. bei der Tötung von des kleinen Jaden aus Mordlust? Experte Baumhöfener: „Laut dem Bundesgerichtshof liegt diese bei unnatürlicher Freude an der Vernichtung eines Menschenlebens vor. Der einzige Zweck könnte Neugier, Langeweile, Angeberei oder Vergnügen am Töten sein.“ Wenn Mordlust nicht greife, könnte es sich dennoch um eine Tat aus niedrigen Beweggründen handeln. „Das sind Taten, die sittlich auf niedrigster tiefsten Stufe stehen“, so Baumhöfener. Was spricht dafür? Die Staatsanwaltschaft teilte am Freitag mit, dass das Motiv für den Kindsmord „Mordlust“ war. Den Ermittlern zufolge stach H. bei dem Jungen mehr als fünfzig Mal mit dem Messer zu und bei seinem zweiten Opfer fast siebzig Mal.
  • Außerdem könnte das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt sein: „War der Junge arg- und wehrlos? Wenn er durch einen unvermittelten Angriff dem Opfer jegliche Verteidigungsmöglichkeit nimmt, gilt das als heimtückische Tötung“, erklärt Baumhöfener. Was spricht dafür? H. soll sein Opfer in den Keller seines Elternhauses gelockt haben.
  • Brandstiftung: In der Wohnung, in der die zweite Leiche lag, brannte es. Baumhöfener: „Hier ist wichtig: War der Mann zum Zeitpunkt des Brandes schon tot? Waren andere Leute in dem Wohnhaus durch den Brand gefährdet? In jedem Fall ist der Straftatbestand der Brandstiftung erfüllt.“ Sollte er den Tod Unschuldiger billigend in Kauf genommen haben, könnte das ebenfalls Auswirkungen haben. Was spricht dafür? H. soll die Wohnung seines zweiten Opfers in Brand gesteckt haben, bevor er sich schließlich eine Straße weiter in einem griechischen Imbiss der Polizei stellte.
  • Verdeckungsmord: „Im zweiten Fall, also dem Bekannten H.s, könnte es sich außerdem um einen Mord zur Verdeckung einer anderen Straftat handeln, nämlich der Tötung des Neunjährigen“, sagt Baumhöfener. „Das hängt aber von seinen Aussagen ab, denn es gibt keine weiteren Zeugen. In der psychischen Ausnahmesituation, in der sich H. befand, können Motive auch sekündlich wechseln.“ Was spricht dafür? Der 22-Jährige soll H. mit den Mordvorwürfen konfrontiert haben. Weil er die Polizei informieren wollte, habe Marcel H. ihn dann mit 68 Messerstichen und Gewalt gegen den Hals getötet.

5. Wie wird die Verteidigung handeln?

Der erfahrene Anwalt Baumhöfener geht davon aus, dass die Verteidigung H.s auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren wird. „Das Ziel wird sein, mit entsprechenden Therapien etwas bei H. bewirken zu wollen.“

Zunächst wird H. vor der Jugendstrafkammer angeklagt. Die Entscheidung, nach welchem Recht er verurteilt wird, fällt der Richter nach Anhörung aller Experten und Gutachten kurz vor dem Ende des Prozesses.

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