Charité Zwei Pfleger sollen achtjährigen Jungen missbraucht haben – Staatsanwaltschaft ermittelt

Berlin – Die Staatswanwaltschaft ermittelt an der Charité: Seit Sonntag stehen zwei Pfleger  vom  Campus Virchow in Wedding unter Verdacht, einen stationär untergebrachten achtjährigen Jungen mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Der Junge, der dort mehrere Monate lang betreut wurde, soll sich am Wochenende seinen Eltern anvertraut haben, diese sollen die Charité informiert haben. Bis zur Klärung der Vorwürfe soll die Charité die Pfleger freigestellt haben. Die Computer der beiden Pfleger seien beschlagnahmt worden, hieß es aus Ermittlerkreisen.

Staatsanwaltschaft  ermittelt

Am Mittwoch bestätigte die Staatsanwaltschaft, in den Fall eingeschaltet worden zu sein. „Es gibt entsprechende Ermittlungen“, sagt Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. „Mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte des Opfers werden wir aber keine weiteren Informationen herausgeben“, erklärte Steltner.
Die Charité wollte den Fall am Mittwoch gegenüber der Berliner Zeitung nicht kommentieren, der Ärztliche Direktor Ulrich Frei sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Die Charité kooperiert vollumfänglich mit Polizei und Staatsanwaltschaft.“

Bei vielen Mitarbeitern dürfte das Erinnerungen an November 2012 wecken: Vor vier Jahren  hatte eine 16-jährige Patientin der Notaufnahme einen Pfleger des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Doch nicht der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, sondern der unprofessionelle Umgang der Charité damit. Weder hatte die Klinik  die Vorwürfe öffentlich gemacht noch die Behörden darüber informiert.

Auch diesmal tut sich das Unternehmen schwer, offensiv damit umzugehen. Zwar informierte das Haus am Montagabend einige Pressevertreter – einen Tag nach der Meldung der Eltern – bat aber um Verschwiegenheit. Man wolle Rücksicht auf das Kind und die möglicherweise zu Unrecht verdächtigten Täter nehmen, die Presse aber dennoch in Kenntnis setzen. Auch die Berliner Zeitung  berichtete zunächst nicht, sondern recherchierte. Nachdem andere Medien den Fall aufgegriffen hatten und die   Staatsanwaltschaft bestätigte, gegen die beiden Pfleger zu ermitteln, entschlossen auch wir uns zu diesem Bericht.

Lang ist die Charité-eigene Liste der Anlaufstellen für Opfer von Gewalt, insbesondere für Kinder. Auch das Projekt „Kein Täter werden“, in dem sich Erwachsene mit pädophilen Neigungen therapieren lassen können, gehört zur Charité – genau wie eine Traumaschutzambulanz. Seit dem Frühjahr betreibt die Charité zudem eine von fünf Berliner Kinderschutzambulanzen; hier werden Fälle untersucht, in denen der Verdacht besteht, dass Kindern Gewalt angetan wurde. Tragisch am hauseigenen Verdachtsfall ist, dass er sich ausgerechnet an jener Klinik ereignet hat, deren kommissarische Leiterin die Kinderschutzambulanz mit aufgebaut hat.

Dass sich die Charité zu den Vorgängen nicht weiter äußern will, begründet sie mit dem Schutz von Opfer und Verdächtigen. Tatsächlich allerdings nahm das Image von Europas größten Uniklinik beim letzten Fall 2012 vor allem wegen der Informationspolitik Schaden und wegen des mangelnden Problembewusstseins im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen.

Als Folge hatte die Charité damals die Zusammenarbeit mit dem Verein „Kind im Zentrum“ (KiZ) gesucht, der sich um Opfer sexueller Gewalt kümmert.  Es habe mehrere Termine gegeben, sagte am Mittwoch der jetzige Leiter der Beratungsstelle, Udo Woelkerling. Eine regelmäßige Kooperation sei allerdings nicht entstanden. Ob die Charité jetzt korrekt gehandelt habe, wollte der Psychotherapeut nicht kommentieren. Er kenne den aktuellen Fall nicht. „Es ist aber wichtig, dass in so einem Fall ein Kinderschutzkonzept vorliegt und unabhängige Stellen zur Unterstützung herangezogen werden.“ Wichtig sei, dass der Fall nicht „gedeckelt“, also verschwiegen werde. „Meist wird aber die Perspektive des betroffenen Kindes vergessen.“ Diesem sei gar nicht bewusst, welche Maschinerie nach einem solchen Vorwurf anlaufe, das Kind müsse Zeit und Gelegenheit erhalten, sich ohne Druck ergänzen oder korrigieren zu können. Groß sei die Gefahr, dass das Kind „durch die Krise der betroffenen Institution nicht mehr die notwendige Berücksichtigung findet“.

Hotline und Mitarbeiter-Briefe

2012 hatte die Charité nach anfänglichem Zögern auf ganzer Linie reagiert: In einem Schreiben hatte sie alle 14 000 Mitarbeiter über den Fall informiert; außerdem wurde eine Telefonhotline eingerichtet für besorgte Eltern und Hinweise von Mitarbeitern. Um den Fall zu beleuchten und künftig ähnliche Fehler zu vermeiden, setzte die Charité außerdem eine externe Kommission unter Leitung der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ein.  Alles gut gelaufen, lautete das Urteil nach drei Monaten Recherche schließlich. Die Charité habe keine Pflicht zur Anzeige gehabt, urteilte die Kommission – empfahl dem Haus allerdings, an ihrem Leitbild zu arbeiten. Wünschenswert, so hieß es damals, seien eine offene Fehlerkultur und Schulungen für Mitarbeiter, um sie stärker für Fälle von sexuellem Missbrauch zu sensibilisieren.

Der Pfleger, der damals von der Charité entlassen worden war, hatte später gegen seine Kündigung geklagt und vor Gericht recht bekommen. Die Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt. Das Mädchen, das die Vorwürfe erhoben hatte, konnte nie befragt werden. Es war mit seiner Familie abgetaucht – offenbar wegen der Belagerung durch Boulevardmedien.

 

– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/25198596 ©2016

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