Die Missbrauchsfälle im Nachwuchsbereich – In der Hölle des englischen Fußballs

Der Skandal um Missbrauchsfälle im Nachwuchsbereich erschüttert den englischen Fußball. Mehrere Ex-Profis beschuldigen den früheren Jugendtrainer Barry Bennell, sie missbraucht zu haben.

Wer die Träume eines Menschen beherrscht, der beherrscht ihn als Ganzen. Genauso hat Barry Bennell es gemacht, genauso hat er als Jugendtrainer bei diversen englischen Fußballklubs in den 1970er und 80er Jahren ein perfides System des Kindesmissbrauchs etabliert. Die Geschichte, die vor gut zwei Wochen in die englische Öffentlichkeit gelangte und seitdem fast täglich fortgeschrieben wird, mit immer neuen Fällen, mit immer neuen Details über die Taten des verurteilten Sexualstraftäters Bennell, dem Mann im Zentrum des Skandals, diese Geschichte wirft viele Fragen auf. Und keine Antwort wird je genügen.

An wie vielen Kindern hat Bennell sich tatsächlich vergangen? Hat er alleine gehandelt, oder gab es gar eine Art Pädophilenring im englischen Jugendfußball, wie inzwischen gemutmaßt wird? Wird es weitere ehemalige Profis geben, die Andy Woodwards Beispiel folgen und ihre Tortur öffentlich machen?

Viele Athleten betroffen

Johannes-Wilhelm Rörig , der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, erklärte bezüglich des Skandals im englischen Jugendfußball: „Die (…) Missbrauchsfälle erschüttern zutiefst.“ Allerdings sei dies kein sportspezifisches Problem, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen könne überall passieren. Zwar stehe niemand unter Generalverdacht, aber „jede Einrichtung muss dringend alle Handlungsmöglichkeiten ausschöpfen, um Mädchen und Jungen besser vor sexueller Gewalt zu schützen“. Der Deutsche Olympische Sportbund verpflichtete sich im März dieses Jahres zu Präventionsmaßnahmen im Breiten- und Leistungssport.

Laut der kürzlich veröffentlichten Studie „Safe Sports“ der Sporthochschule Köln seien ein Drittel der rund 1800 befragten Kaderathleten und -athletinnen von sexualisierter Gewalt betroffen, meistens als Minderjährige.

Der DFB empfiehlt in seiner Broschüre „Kinderschutz im Verein“, sich klar zu positionieren, Ansprechpartner zu benennen und für Kinder- sowie Jugendtrainer erweiterte Führungszeugnisse anzufordern.

Mit Woodward ging alles los. Der Exspieler von Sheffield United und dem FC Bury gab dem „Guardian“ am 16. November ein Interview – auch in der Hoffnung, seinem eigenen Seelenfrieden wieder ein Stück näherzukommen, vor allem aber, um anderen ein Beispiel zu sein. „Ich will ihnen die Kraft geben, sich zu öffnen. Jetzt, mit 43, habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr mit diesem Geheimnis, dieser Bürde leben muss.“

Was als Traum begann, entwickelte sich bald zu einem furchtbaren Alptraum. Mit elf ging der talentierte Woodward zu Crewe Alexandra, einem Traditionsverein aus dem Nordwesten Englands, mit dem Ruf einer Talentschmiede. Auch dank Barry Bennell, der in den Achtzigerjahren als bester Jugendtrainer des Landes galt. „Ich wollte einfach nur Fußballer werden“, erzählte Woodward dem „Guardian“, „das war mein Traum, ich dachte an nichts anderes. Aber ich war auch sensibel. Auf die Sensiblen hatte er es abgesehen.“

Bennell lockte die Jungs in sein Haus, das später in den Gerichtsverhandlungen als „Kinderparadies“ bezeichnet werden sollte. Mehrere Arcade-Maschinen, eine Musikbox, einen Billardtisch, sogar einen Minizoo hatte Bennell bei sich, inklusive eines handzahmen Klammeräffchens und einem Puma, mit dem er am Strand von Blackpool spazieren ging. Abends verängstigte er die Jungs mit Horrorfilmen, so brachte er sie dazu, in seinem Schlafzimmer zu übernachten.

Mit Würgeholz bedroht

„Er hatte die totale Kontrolle über mich“, sagte Woodward: „Wer nicht machte, was er wollte, der wurde bedroht. Körperlich mit einem Würgeholz. Mental mit der Ankündigung, er würde unseren Traum vom Profifußball platzen zu lassen.“ Bennell, der als Jugendtrainer und Scout bis Mitte der Neunzigerjahre auch für Manchester City, Stoke City und mehrere andere Mannschaften im Nordwesten Englands arbeitete, hatte seine Opfer dermaßen im Griff, dass nichts nach draußen drang.

Erst 1994, fast 25 Jahre nachdem Bennell in die Nachwuchsarbeit des englischen Fußballs eingestiegen war, wurde er zum ersten Mal verurteilt. Am Rande eines jährlich stattfindenden USA-Trips hatte ein 13-Jähriger seinen Eltern einen Übergriff Bennells offenbart – aus Angst, an Aids zu erkranken. In der Folge musste Bennell für 23 nachgewiesene Übergriffe für vier Jahre ins Gefängnis. 1998 wurde er erneut verurteilt, neun Jahre Haft, und erst im vergangenen Jahr, im Mai 2015, wurde der heute 62-jährige Bennell von einem Gericht für einen Fall von 1980 schuldig gesprochen. Er hat die jüngste Haftstrafe noch nicht angetreten. Am Montag brach er zusammen und musste in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Am Dienstag sind nach den jüngsten Vorwürfen nun Ermittlungen gegen Bennell eingeleitet worden. Es gehe um acht sexuelle Übergriffe auf einen Jungen unter 14 Jahren, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Am Dienstag sind nach den jüngsten Vorwürfen nun Ermittlungen gegen Barry Bennell eingeleitet worden. Es gehe um acht sexuelle Übergriffe auf einen Jungen unter 14 Jahren, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Andy Woodward, der Zeit seiner Karriere und danach mit einer schweren Depression kämpfte, ist kein Einzelfall. Alleine sechs ehemalige Profis folgten ihm, wandten sich wie er an die Öffentlichkeit, und es ging dabei nicht nur um den notorischen Sexualstraftäter Bennell. Der vormalige englische Nationalspieler Paul Stewart gab an, er sei als Jugendspieler jahrelang misshandelt worden, Tag für Tag. Namen nannte er nicht.

Inzwischen ermitteln vier verschiedene Polizeieinheiten, um die Tragweite des Missbrauchsskandals herauszufinden, Fragen zu beantworten. Schreckliche Verdachtsfälle gibt es genügend. Es heißt, Alan Davies und Gary Speed, die späteren walisischen Profis, gehörten zu Bennells „Favoriten“. Beide nahmen sich selbst das Leben.

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