Eine Internet-Doku gibt Einblicke – Sexueller Missbrauch in Hollywood: Das offene Geheimnis

Den Opfern eine Stimme geben. Dokumentarfilmerin Amy Weinberg interviewt in "Open Secret" ehemalige Kinderschauspieler. Foto: vimeo

Der Dokumentarfilm „An Open Secret“ erzählt von Kindesmissbrauch in Hollywood. Ins Kino schaffte es der Film nicht. Dafür findet er im Internet jetzt seine Zuschauer.

Seit Bekanntwerden der Vergewaltigungsvorwürfe gegen den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein reißen die Enthüllungen aus Hollywood über sexuellen Missbrauch in der Filmindustrie nicht ab. Mit dem Dokumentarfilm „An Open Secret“ von Amy Berg kommt nun auch ein fast vergessener Film ans Tageslicht, der sich schon vor einigen Jahren des systematischen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in Hollywood annahm.

Bereits 2014 lief „An Open Secret“ auf Festivals und war anschließend hin und wieder in kleinen Kinos zu sehen. Doch die Tagline des Films nahm dessen Schicksal ironischerweise bereits vorweg: „The film Hollywood doesn’t want you to see“. Das will die Branche nicht sehen. Denn einen Filmverleih fand Amy Berg nicht, auch Angebote für eine TV-Ausstrahlung oder die Veröffentlichung über Streamingdienste blieben aus. „An Open Secret“ verschwand auf illegalen Streamingportalen, generierte dort aber im Lauf der Zeit mehr als 900 000 Views.

Als im Oktober die ersten Vorwürfe gegen Weinstein öffentlich wurden, entschied sich der Produzent Gabe Hoffman, seinen Film für eine begrenzte Zeit im Netz frei zugänglich zu machen. Allein in den ersten zwei Wochen verzeichnete „An Open Secret“ mehr als drei Millionen Views. Aktuell ist der Film noch über das Portal Vimeo zu sehen. Die Enthüllungen indessen reißen nicht ab, das Schweigen scheint gebrochen.

Die Dokumentation legt den Fokus auf fünf ehemalige Kinderdarsteller (ausschließlich Jungen), die als Teenager in Hollywood sexuell missbraucht wurden. Ausschnitte aus Filmen und Serien, in denen die Betroffenen mitwirkten, wechseln sich ab mit Interviews mit den mittlerweile erwachsenen Männern und ihren Eltern, die da offen und schonungslos über ihre Erfahrungen sprechen. Ihre Schilderungen machen die Methoden der Täter greifbar und lassen Dimensionen eines Pädophilennetzwerks in Hollywood erahnen.

Die Erinnerungen an Partys im Haus von Marc Collins-Rector, Mitinhaber des mittlerweile insolventen Digital Entertainment Network (DEN), auf denen Teenagern Drogen verabreicht wurden, um sie sexuell gefügig zu machen, erlauben einen erschütternden Blick hinter die Kulissen.

Betroffenen Mut machen

Der Journalist John Connolly arbeitete bereits Ende der neunziger Jahre für das Lifestyle-Magazin „Details“ an einem Artikel über Pädophilie in Hollywood, der dann aber in letzter Minute gestrichen wurde. Die meisten Täter, die im Film namentlich genannt werden, sind bis heute in der Filmindustrie tätig, wie etwa Marty Weiss, der mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurde, sechs Monate lang im Gefängnis saß und dennoch bis heute als Manager von Kinderdarstellern auftritt. Bob Villard, der Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire zu Beginn ihrer Karrieren managte, verkaufte Fotos von Jungen auf eBay und tut dies laut Abspann bis heute.

Amy Berg, deren Dokumentation „Deliver Us From Evil“ über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche 2007 für den Oscar nominiert war, setzt auch in „An Open Secret“ nicht auf Sensationen. Vielmehr liegt ihr daran, den Opfern eine Stimme zu geben und ihnen Mut zu machen, gegen die Täter aktiv zu werden. „Be courageous. Report it. Life gets better“, heißt es im Vorspann des Films. Traut euch! Sprecht darüber!

„An Open Secret“ gibt einen neuerlichen Einblick in Hollywoods System des Schweigens, erfasst allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Das ganze Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in Hollywood beginnt gerade erst sichtbar zu werden.

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