Interpol-Datenbank Weltweit 10.000 Opfer von Kindesmissbrauch identifiziert

Lyon – Mit einer Datenbank von Interpol sind weltweit 10.000 Opfer von Kindesmissbrauch identifiziert worden. Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock erklärte am Montag im ostfranzösischen Lyon, damit hätten die Polizeibehörden vieler Mitgliedsländer Minderjährige vor ihren Peinigern retten können.

„Dies ist aber nur die Spitze des Eisbergs“, fügte er hinzu. Mit Hilfe der 2009 eingeführten Datenbank können kinderpornographische Videos und Fotos analysiert werden, die unter anderem im Internet verbreitet werden. Mit einer speziellen Software versuchen die Interpol-Experten, anhand von Bild- und Tonmerkmalen Hinweise auf die Identität von Tätern und Opfern zu finden.

95 Prozent der Täter aus dem Umfeld des Kindes

Inzwischen haben 49 der 190 Mitgliedsländer von Interpol Zugriff auf die Datenbank. Darunter sind neben Deutschland und Frankreich unter anderem auch die USA, Russland und die Türkei. So sei es zum Beispiel der britischen Polizei gelungen, einen Täter innerhalb von zehn Stunden nach Eingabe der Bilder in die Datenbank zu identifizieren, erklärte Interpol. Die Opfer des Kindesmissbrauchs sind in manchen Fällen erst einige Tage alt.

Eine Interpol-Expertin sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Täter gehörten in 95 Prozent der Fälle zum Umfeld des Kindes. Manchmal gelinge es, die Opfer innerhalb von 24 Stunden aufzuspüren, betonte die Französin, die anonym bleiben will. In vielen Fällen kämen die Ermittler den Tätern aber nicht auf die Spur.

euronews-Reporterin Joanna Gill interviewte im Interpol-Hauptquartier in Lyon den Leiter der Abteilung für schutzbedürftige und gefährdete Gemeinschaften, Mick Moran.

Joanna Gill:“Zur Zeit nutzen 49 Staaten die Datenbank, warum nicht mehr? Fehlt es an Ressourcen, am Willen oder verhindern rechtliche Gründe eine bessere Kooperation?”

Mick Moran: “Es mangelt in erster Linie an politischer Unterstützung. Wenn man Politiker fragt, was sie unternehmen, sagen sie: dies und das. Das greift aber nicht bis zu den Polizisten an der Basis. Es gibt einen regelrechten Wettbewerb um die Bereitstellung von Ressourcen.”

Gill:“Online-Datenschutz hat sich zu einem Bürgerrechtsthema entwickelt. Wie wirkt sich das auf den Schutz verletzbarer Kinder aus?”

Moran: “Wenn wir ein Opfer als Opfer eines Kindesmissbrauchs identifizieren, und den Fall genauer untersuchen, passiert es unglücklicherweise nicht gerade selten, dass uns die Privatsphäre und der Datenschutz einen Strich durch die Rechnung machen. Dann kommt es vor, dass solche Fälle im Sande verlaufen.”

Gill:“Stehen Ihnen dabei vor allem die Betreiber sozialer Netzwerke im Weg?”

Moran: “Ich werde keine Namen nennen, schon gar nicht von Firmen. Aber ja, es gibt Unternehmen, die sich blind und taub bei dem Thema stellen und auf Datenschutz verweisen. Denen möchte ich zurufen: Bitte hört auf, euch hinter diesen Ablenkungsmanövern zu verstecken. Sie sollten eigentlich wissen, wo ihre Verantwortungen liegen. Sie hätten schon von Beginn an auf Sicherheitsmaßnahmen setzen sollen.”

Gill:“Die Erfahrungen einiger mit diesen Fällen betrauter Ermittler können schlaflose Nächte verursachen. Was treibt sie an in ihrem Job?”

Moran: “Ich erinnere mich an einen Fall auf den Philippinen, der durch unsere Datenbank aufgedeckt wurde. In diesem speziellen Fall ging der sexuelle Kindesmissbrauch einher mit extremer Gewalt und bleibenden körperlichen Schäden. Die Videos und die dazugehörigen Tonspuren mussten ausgewertet werden. Die Schreie der Kinder…bringen unsere Ermittler an ihre Grenzen. Vor allem durch das Gefühl der Hilflosigkeit.

Andererseits ist es gerade diese Hilflosigkeit, die unsere Ermittler antreibt. Wir können diesem Gefühl der Hilflosigkeit mit ernsthafter Ermittlungsarbeit begegnen. Wichtig ist auch die intensive Kooperation der Kollegen, um jedem noch so kleinen Hinweis für eine Identifizierung der Kinder nachzugehen. Den Missbrauch zu stoppen und die Täter dafür bezahlen zu lassen – das treibt uns an.”

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*