Jede Misshandlung ist eine zu viel

Ein paar nackte Zahlen des Jugendamts Kelheim: Im Landkreis gab es im Jahr 2015 insgesamt 130 Überprüfungen von Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung. Die unterscheidet das Landratsamt als 116 Fälle der Vernachlässigung, 76 Fälle der Misshandlung und drei Fälle des sexuellen Missbrauchs, sprich, Mehrfachgefährdungen sind an der Tagesordnung. Jeder Fall ist ein Fall zu viel, sagt Sabine Treutinger. Und deshalb möchte sie wachrütteln. Zusammen mit Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins Essen, stattete sie am Mittwochnachmittag Bürgermeister Dr. Uwe Brandl einen Besuch ab. Primär, um ein erstes von insgesamt 250 Plakaten aufzuhängen, welche die Menschen landkreisweit für das Problem sensibilisieren sollen. Zudem gewann sie einen vehementen Befürworter des Kinderschutzes und der Rechte für Kinder in Dr. Brandl.

Jeden Tag sind 38 Kinder Opfer

Die Situation in Deutschland ist laut Aussagen von Rainer Rettinger, dem Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins, besorgniserregend: Jeden Tag würden in Deutschland elf Kinder krankenhausreif geschlagen, jeden Tag seien 38 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. 130 Kinder sind im vergangenen Jahr aufgrund körperlicher Misshandlung getötet worden.

Rettinger hat diese Zahlen parat. Nackte Zahlen, die das Leid der Kinder nicht annähernd beschreiben, nackte Zahlen, die erschrecken. Nackte Zahlen, die jeweils ein unvorstellbares Schicksal in eine Statistik pressen. Und der Landkreis Kelheim ist keine Insel der Seligen, auch hier gibt es Fälle. Das weiß Treutinger, und deshalb hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, Kinder zu schützen, Kindern zu helfen. Dazu ist es aber erst mal wichtig, dass man hinschaut, sich nicht abwendet, wenn man vermutet, ein Kind könnte misshandelt werden.

Rettinger bat Bürgermeister Dr. Brandl um Unterstützung. Der Allgemeinplatz, der ja gern von Politikern bemüht werde, dass Kinder unsere Zukunft sind, müsse dazu führen, dass die Politiker auch alles zu tun, dass dies gelte. Und hier konstatiert Rettinger diverse Mängel, insbesondere von Christdemokraten und Christsozialen. Er fordert mehr Rechte für Kinder. In Deutschland gelte immer noch der Grundsatz, dass Elternrecht vor Kinderrecht stehe. Das, so kritisiert Rettinger, sei ein klarer Verstoß gegen die Forderungen der UN-Kinderrechtskonvention, die bereits seit 27 Jahren auf dem Tisch liegen, in der Bundesrepublik indes nur teilweise umgesetzt würden. Der UN-Ausschuss fordere von der Bundesregierung, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen. Bislang ohne Erfolg, weil CDU und CSU dagegen seien.

Brandl stimmte Rettinger hier zu. Die Menschenrechte könnten nicht ans Alter gebunden definiert werden. Konkret fordert Dr. Brandl, der das Engagement Treutinger wohlwollend lobte, da sie sich nicht nur für ein Einzelschicksal sondern die gesamt Problematik einsetze, dass die Jugendämter ihre Arbeit vor Ort verstärken: „Die Leute müssen an die Front“. Allerdings sieht Dr. Brandl auch die Komplexität der Aufgabenstellung für Jugendamtsmitarbeiter: Sie müssten versuchen, das Beste fürs Kindeswohl zu ergründen, was oftmals nicht einfach sei. Indes, der Beweis einer Misshandlung eines Kindes sei oftmals schwer zu führen. Auch weil die Jugendämter, wie Rettinger einwarf, nur angekündigt Kontrollen machen dürfen und sich dann im Zweifel die Kontrollierten sich und ihre ihnen anvertrauten Schützlinge vorbildlich präsentierten. Hier gelte es umso mehr, vor Ort präsent zu sein.

Allerdings misstraute Dr. Brandl Aussagen Rettingers, dass in acht von zehn Fällen Jugendämter bei Nichteinschreiten von Kindesmisshandlungen das Problem seien, das müsse aufgrund leider vermehrt auftretender Zeitgenossen, die oftmals skrupellos mit aller Macht jemandem schaden vollen, in jedem Einzelfall konkret ermittelt werden.

Wichtig ist, hinzusehen

Sabine Treutinger geht es nicht um die große Politik, sondern um Sensibilisierung. Es dürfe Kinder nicht schlecht gehen, körperliche oder – oftmals noch schlimmer – seelische Misshandlungen seien nicht tolerierbar. Und darauf will sie mit ihrer Plakataktion hinweisen.

Und sie befindet sich damit in bester Gesellschaft. Bundesweit unterstützen viele Schauspieler und Künstler wie zum Beispiel Armin Rohde, Rufus Beck, Hannelore Elsner, Andrea Sawatzki, Christian Berkel und beispielsweise Sänger Max Mutzke die Anliegen des Deutschen Kindervereins.

Das Plakat mit der Aufschrift „Die Gewalt, die wir einem Kind antun, ist größer als der Schmerz, den wir begreifen“ zeigt Autorin Lilly Lindner, die selber Missbrauchsopfer ist.

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