KASTRATION REICHT OFT NICHT AUS Spritze soll Pädophilen in Schweden helfen

Stockholm. Am Karolinska Institut in Stockholm wird derzeit eine wirksamere Behandlung gegen Pädophilie getestet. Das Projekt ist das erste seiner Art weltweit. Dabei wollen die Wissenschaftler auch den Ursachen auf die Spur kommen. Eine Kastration reiche alleine oft nicht aus.

Viele Menschen mit Hang zur Pädophilie würden eine heilende Pille dagegen einnehmen, wenn es denn eine gäbe. Am renommierten Stockholmer Karolinska Institut, das auch den Medizinnobelpreis vergibt, wird nun zumindest an einer wirksameren Behandlung gefeilt. 60 Männer, die bereits zuvor Hilfe gegen ihre pädophilen Gedanken gesucht haben, nehmen freiwillig an dem Pilotprojekt im Universitätskrankenhaus teil.
Weltweit einmalige Studie

„Diese Männer haben Angst davor, ihre Selbstkontrolle zu verlieren und wollen behandelt werden“, sagt Stefan Arver, einer der Ärzte hinter der Studie, dieser Zeitung. Die Studie sei in ihrer speziellen Ausgestaltung weltweit einmalig, sagt er.

Zum einen wird eine neue, wirksamere chemische Kastration getestet. 30 der 60 Männer erhalten eine Spritze mit dem Arzneimittel Degarelix. Das stoppt die Testosteronentwicklung in den Hoden. Die andere Hälfte der Teilnehmer erhält lediglich ein Placebo, um den Wirkungsgrad festzustellen. Die Probanden wissen bei der Injektion nicht, in welcher Testgruppe sie sind.

Kastration reicht oft nicht aus

„Der Vorteil mit Degarelix ist, dass es viel schneller wirkt, als was bislang gegen Pädophilie benutzt wurde. Schon nach einem Tag ist die Testosteronproduktion in den Hoden völlig abgeschaltet und im Blut ist dann kein Testosteron mehr nachweisbar“, sagt Arver. Die Spritze muss nur einmal im Monat genommen werden. „Damit nehmen wir den Versuchsteilnehmern in einem ersten Schritt ihren pochenden Sexualtrieb weg“, sagt Arver. „Viele Patienten erleben dann eine größere Ruhe, die es ihnen ermöglicht, ihre Probleme in Angriff zu nehmen“, sagt er. Denn Pädophilie hat nicht nur mit dem Sexualtrieb zu tun. So ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass Pädophile, die chemisch kastriert wurden, trotzdem Übergriffe auf Kinder verübten.

Fragebögen zur Wirkung

Im nächsten Schritt müssen die Patienten Fragebögen zur Wirkung ausfüllen. Hinzu kommt eine Untersuchung einer Gehirnregion für sexuelle Regungen mit einer Magnetresonanzkamera. Dabei wird den Probanden Fotomaterial von Kindern gezeigt, um eventuelle Reaktionen zu verursachen. Es werden aber nur harmlose Kinderbilder gezeigt, betonen die Wissenschaftler. Bei den Männern, die trotz chemischer Kastration weiterhin im Gehirn reagieren, soll dann eine ergänzende Behandlung angesetzt werden. Bei den anderen reicht die chemische Kastration aus.

Forscher suchen individuelle Behandlungsmethoden

Grundsätzlich weiß man nicht genau, warum erwachsene Menschen sich von Kindern angezogen fühlen. Es gibt sehr viele Faktoren, die da hineinspielen. Neben dem Trieb etwa Machtausübungsdrang, Minderwertigkeitsgefühle und Zwanghaftigkeit. Bei der Studie geht es darum, zu untersuchen, wie wichtig oder unwichtig der sexuelle Trieb beim jeweiligen Patienten ist. „Wenn der Trieb die wichtige Komponente ist, ist die Kastrierung wirksam. Aber wenn andere Mechanismen wie etwa eine Zwangsstörung wesentlich sind, hat die chemische Kastration keinen Effekt“, sagt Arver.

Die Versuchsreihe will deshalb nach der chemischen Kastration auf diese weiteren Faktoren schauen und letztlich ein praktisch anwendbares Bewertungssystem schaffen, das pädophilen Menschen je nach deren individuellen Eigenschaften zuverlässiger hilft, ihre Neigung zu behandeln.

Übergriffe verhindert

Die Studie gilt als kontrovers. Zum einen führt der Gedanke an Zwangskastrierungen zu Widerstand. Zum anderen gibt es die Hardliner, die meinen, dass Pädophile am besten lebenslänglich weggesperrt werden sollten. „Einige meinen, wir Ärzte sollten keine Zeit mit Pädophilen verschwenden und würden die Täter wie Opfer behandeln“, sagt Arver. Er wisse aber, „dass wir durch unsere Arbeit bereits einige Übergriffe auf Kinder verhindern konnten“.

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