Kindesmissbrauch in Kiel – Mutter des Tatverdächtigen bat vergeblich um Hilfe

Ein Schulfhof, aufgenommen am 02.02.2016 im Stadtteil Gaarden in Kiel (Schleswig-Holstein). Ein 30-Jähriger soll ein siebenjähriges Mädchen in Kiel verschleppt und sexuell schwer missbraucht haben. Nach ersten Erkenntnissen soll der Mann das spielende Mädchen am Sonntagvormittag auf einem Schulhof angesprochen und unter einem Vorwand in seine Wohnung gelockt haben. Foto: Lukas Schulze/dpa (zu dpa "Siebenjährige in Kiel verschleppt und vergewaltigt" vom 02.02.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Nach dem Missbrauch einer Siebenjährigen stehen die Kieler Behörden in der Kritik. Ein Schulleiter und nun auch die Mutter des Tatverdächtigen erheben schwere Vorwürfe. „Ich habe überall um Hilfe gebeten“, beklagte die Mutter des Tatverdächtigen

„Ich weiß, dass er krank ist, aber das ist keine Entschuldigung“, berichtete die 50-Jährige. Sie wolle mit ihrer öffentlichen Aussage „alle anderen Mütter über die Abläufe informieren und mich bei allen entschuldigen, denen mein Sohn Leid angetan hat“, sagte sie gegenüber den „Kieler Nachrichten“.

Die Mutter des mutmaßlichen Täters berichtete, dass dieser selbst zwei Kinder habe. Beide Jungen werden in jenem Kindergarten betreut, in dem sich der Kieler bereits am 6. Januar an einer Fünfjährigen vergangenen haben soll. Ihr Sohn habe die Trennung von seiner Frau nicht verkraftet.

Polizei nicht zuständig

Der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler bestätigte, dass sich die Frau am 18. Januar hilfesuchend an die Polizei gewendet habe. Sie habe den Beamten erklärt, ihr Sohn sei psychisch krank und bitte um Hilfe. Die Polizisten hätten sie nach einer möglichen Gefährdung befragt. „Dazu hat die Frau aber keine Angaben gemacht“, sagte Bieler.

Anhaltspunkte für die Gefahr möglicher weiterer Straftaten habe es nicht gegeben, sagte der Oberstaatsanwalt. Zudem hätte das Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie Kontakt mit der Mutter gehabt. „Die Polizei hat richtig reagiert“, sagte Bieler. „Wir sind nicht für psychisch kranke Menschen zuständig.“ Obwohl der Mann bereits nach dem ersten schockierenden Missbrauchsfall unter Tatverdacht stand, sah die Staatsanwaltschaft keine rechtliche Grundlage für einen Strafbefehl.

„Ich kann nicht erkennen, was da zweifelhaft gewesen sein soll“

Dies kritisierte die Kriminologin Monika Frommel von der Kieler Christian-Albrechts-Universität. „Bei einem fünfjährigen Kind drängt sich sofort der Verdacht auf, dass dieser Mensch nicht ganz normal sein kann, also pädosexuell“, sagte die Rechtswissenschaftlerin dem „Schleswig-Holstein Magazin“ des NDR. Sie fügte hinzu: „Wir haben speziell für sexuelle Missbrauchsfälle den Haftgrund der Wiederholungsgefahr. Ich kann nicht erkennen, was da zweifelhaft gewesen sein soll.“

Und so räumte auch Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken Versäumnisse der Behörden ein: „Wir hätten dem Mädchen eine ganz schwere Erfahrung ersparen können“, sagte er. Bereits am 18. Januar habe die Stadt von der Polizei erfahren, dass gegen den Tatverdächtigen wegen eines sexuellen Missbrauchs einer Fünfjährigen am 6. Januar ermittelt werde. Der sozialpsychiatrische Dienst, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten allesamt handeln können. „An der Stelle wäre eine Ausfahrt gewesen, die alle hätten nehmen können.“

Die Stadt Kiel will nun die internen Abläufe in dem Fall prüfen. „Aus Verantwortung gegenüber dem Mädchen, das Opfer dieser schrecklichen Tat wurde, wird in Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft gründlich geklärt, ob die in vielen Einzelfällen bewährten Verfahren in der Kooperation der unterschiedlichen Verantwortlichen noch verbessert werden können“, sagte Stadtsprecherin Annette Wiese-Krukowska.

„Er ist gefährlich“

Zuvor hatte bereits der Leiter der Schule, von dessen Schulhof der Mann die Siebenjährige in seine Wohnung gelockt haben soll, eine fehlende Information durch die Polizei kritisiert. Der betreffende Kindergarten befindet sich in der Nähe der Schule.

Die Mutter des Tatverdächtigen schildert es so: Sie hatte bereits 2014 Kontakt mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst im Kieler Gesundheitsamt. Einen Tag vor dem Missbrauch im Kindergarten wurde sie erneut beim Gesundheitsamt vorstellig. Daraufhin habe das Amt den Sohn schriftlich zu einem Termin am 11. Januar eingeladen, der sei aber nicht erschienen. Am 8. Januar habe sie beim Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie angerufen mit der Bitte: „Er ist nicht normal. Nehmen Sie ihn bitte stationär auf, er ist gefährlich“, soll die Mutter gesagt haben. Dies sei dort jedoch abgelehnt worden.

Seit Dienstag sitzt der 30-Jährige wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen in Untersuchungshaft. Ein Gutachter soll klären, ob der Mann schuldfähig ist.

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