Kindesmissbrauch: Prozess dreht sich komplett

Was über dem Haupt des Angeklagten bei der Eröffnung des Prozesses im Oktober am Landgericht Hechingen an Vorwürfen schwebte, war gewaltig, nahezu vernichtend. Die Schwester seiner ehemaligen Freundin und späteren Frau hatte ihn beschuldigt, sich um Weihnachten 2005 in 25 Fällen an ihr vergangen zu haben. Damals war sie noch ein Kind, gerade 13. In den Schilderungen, die sich in der Anklageschrift vor dem Hechinger Landgericht spiegelten, war von massiven Übergriffen und teils ausgefallenen bis absonderlichen Sexualpraktiken die Rede.

Besonders bedrohlich für den Angeklagten aus dem Raum Burladingen: Die Glaubwürdigkeits-Gutachterin war anfangs überzeugt, es habe sich so verhalten, wie es das mutmaßliche Opfer gegenüber der Polizei und dem Staatsanwalt erzählt hatte. Bedrohlich auch deshalb, weil die Gutachterin als überaus erfahren gilt und in Gerichtskreisen hohes Ansehen genießt.

Wäre es in einigen, mehreren oder gar allen 25 Fällen zu einer Verurteilung gekommen, hätte das Gericht eine Strafe von bis zu sieben Jahren Gefängnis aussprechen können. Dann wäre der Angeklagte noch am gestrigen Mittwoch, dem letzten einer langen Reihe von Verhandlungstagen nach der Urteilsverkündung, in die Justizvollzugsanstalt eingezogen. Das Ergebnis lautete ganz anders. Das Gericht kam zu der Überzeugung, der Angeklagte habe sich nur in einem einzigen Fall schuldig gemacht hat. Und zwar beim geringsten der ihm angelasteten Vergehen. Den Vorwurf, der 34-Jährige habe dem Mädchen kurz vor Weihnachten 2005 an die Brust gefasst – nicht allerdings in den Intimbereich, wie anfangs im Raum stand – hielt das Gericht aus verschiedenen Gründen für wahr. Bei allem anderen Taten blieben „Zweifel“.

Ein seltener Vorgang

Genährt und gestützt wurden diese Zweifel sehr stark auch aus dem mündlichen Abschlussbericht der Gutachterin. Sie hatte ihre Sicht der Dinge offenbar fast komplett geändert: Der Weihnachtsvorfall – ja; alles andere erschien ihr zuletzt zweifelhaft. Eine derartige Abweichung von Anfangs- und Schlussgutachten kommt in Prozessen selten vor.

Der Einschätzung der Gutachterin folgte auch Staatsanwalt Markus Engel. Nur der eine Übergriff stand für ihn fest. In seinem Plädoyer hatte er dafür eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten gefordert, zudem eine Wiedergutmachung von 3600 Euro für das Opfer.

Die Kammer unter Vorsitz von Dr. Hannes Breucker kam dem Angeklagten in seinem Urteil jedoch noch weiter entgegen, verhängte letztlich ein Jahr Haft auf Bewährung. Ohne weitere Geldauflage, ohne Bewährungshelfer. Auch zu den Prozesskosten muss der Verurteilte nur einen kleinen Teil beitragen. In dem einen Fall, den die Kammer gleichfalls für erwiesen hielt, habe sich der damals 23-Jährige gegenüber einem Kind ganz klar falsch verhalten. Er sei aber alles andere als ein „Sexualverbrecher“. Breucker war überzeugt, der 34-Jährige werde sich nie wieder wegen einer Anklage dieser Art und wohl auch nicht wegen anderer möglicher Straftaten vor Gericht verantworten müssen. Er sei, den Eindruck habe man im Verlauf der Wochen gewonnen, ein arbeitsamer Mensch, der durch Beruf, Frau und kleines Kind einen festen Halt besitze. Das habe man beim Strafmaß mitbedacht, ebenso die lange Prozessdauer, die er „erdulden“ musste.

Revison vorsichtshalber

Ob er gegen dieses Urteil Revision einlegen will, wollte sich  Staatsanwalt Markus Engel am Mittwoch noch überlegen. Eher nicht, wie er meinte. Und wenn, dann eher aus formaljuristischen Gründen. Der Rechtsanwalt des Burladingers, Christian Niederhöfer – er hatte auf Freispruch plädiert – will das tun, um sich und seinem Mandanten die gerichtlichen Möglichkeiten offen zu halten. Ob der Weg der Revision am Schluss wirklich beschritten wird, steht auf einem anderen Blatt. Sein Mandant empfindet das Urteil als einen Makel. Nimmt man jedoch die Ausgangslage von 25 Vorwürfen und das Ergebnis von nur einer, obendrein milden Verurteilung im geringsten Fall plus 24 Freisprüche in den anderen Anklagepunkten; betrachtet man darüber hinaus die ursprüngliche Haltung der Gutachterin und deren Einschätzung am Schluss, darf man sagen, der Prozess hat sich in seinem Verlauf nahezu komplett gedreht.

Auf welche Weise, und warum man der jungen Frau nicht mehr glaubte, das war für Außenstehende nur teilweise einsehbar. Mehrere Verhandlungstage einschließlich der Plädoyers hatten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden, weil dort intime familiäre und sexuelle Dinge angesprochen wurden. Der Vorsitzende Breucker deutete allerdings an, es sei ein Prozess gewesen, der „sehr akribisch“ geführt und in dem selbst innerhalb des Richtergremiums „kontrovers diskutiert“ wurde.

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