Missbrauch früh verhindern – Hamburg zieht Bilanz nach fünf Jahren Projekt „Kein Täter werden“.

Paul war 24 Jahre alt als er merkte, dass er pädophile Neigungen hat. Es war draußen warm geworden und die Mädchen in seiner Straße liefen leicht bekleidet vor seinem Fenster entlang – „wie es im Sommer so ist“, sagt er. „Und da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich mich stark zu ihnen hingezogen gefühlt habe.“ Heute ist Paul 60, hat über das Projekt „Kein Täter werden“ eine Therapie gemacht und erzählt Teile seiner Geschichte auf der Webseite des Netzwerks.

Kiel war neben Berlin in den 2000er Jahren eine der Gründungsstätten des Netzwerks, das sich an Pädophile richtet, die nicht zu Tätern werden wollen. Seit fünf Jahren gibt das Therapieangebot auch in Hamburg. Am Dienstag haben Peer Briken, der zuständige Projektleiter am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), und Justizsenator Til Steffen (Grüne) Bilanz für den Standort gezogen.

„Wir haben gute Hinweise dafür, dass unser Angebot funktioniert“, sagte Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am UKE. Die sexuelle Neigung zu Kindern würde kaum einer der Patienten durch die Therapie verlieren. Dass sich eine sexuelle Neigung überhaupt wegtherapieren lasse, werde jedoch ohnehin von vielen Wissenschaftlern bestritten. Vielmehr ginge es darum, so Briken, „die Kontrollfähigkeit zu stärken, damit es nicht zu Übergriffen kommt.“ Und diese Kontrollfähigkeit, das zeigten Auswertungen der Behandlungsverläufe, steige durch die Therapie an.

Wie es Paul nach der Therapie ergangen ist, erzählt er auf der Webseite von „Kein Täter werden“ nicht. Dafür berichtet der 43-jährige Christian, wie sie ihn und sein Verhalten geändert hat. „Wenn ich merke, ich komme in eine gefährliche Situation, dann verlasse ich die“, sagt er. Einmal sei ihm das passiert, in der Sauna. Er sei dann aufgestanden, habe geduscht und sei gegangen. „Ich bin der, der die Verantwortung hat. Ein Kind oder ein Jugendlicher kann das nicht, die Verantwortung muss ich übernehmen.“

Rund 500 Menschen mit pädophilen Neigungen haben sich seit 2012 in der extra für das Projekt gegründeten Präventionsambulanz am UKE gemeldet. Jeder vierte Betroffene machte im Anschluss an eine Therapie im Rahmen von „Kein Täter werden“. Für diese gelten bundesweit einheitliche Standards. Es gibt Gruppen- und Einzeltherapien, zum Teil mit Medikamenten zur sexuellen Impulskontrolle. Die Kosten tragen in den meisten Fällen die Länder, da eine präventive Therapie für Pädophile nicht zu den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen gehört.

Weitere 125 Männer wurden innerhalb des UKE weiter vermittelt, weil gegen sie bereits Verfahren wegen Kindesmissbrauchs oder den Besitz von Kinderpornografie liefen. In das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ wird nur aufgenommen, wer noch keinen Kontakt zur Justiz hatte. Den übrigen 250 Betroffenen war entweder mit einer telefonischen Beratung geholfen, oder sie wurden an die für sie zuständigen Projektstellen verwiesen.

Im Norden sind das neben Kiel und Hamburg die Beratungsstellen von „Kein Täter werden“ an der Medizinischen Hochschule in Hannover und das Kompetenzzentrum Sexualmedizin Mecklenburg-Vorpommern in Stralsund. Elf Einrichtungen gibt es insgesamt in Deutschland.

In Hamburg gibt es 40 Therapieplätze, 100.000 Euro zahlt das Land für die Präventionsambulanz. Geld, dass die Stadt weiter zahlen werde, versicherte Justizsenator Till Steffen, auch wenn man eigentlich die Krankenkasse in der Pflicht sehe und sich dort für eine Kostenübernahme einsetzt. Das aus seiner Sicht wichtige Angebot dürfe in jedem Fall nicht an finanziellen Fragen scheitern, so Steffen. Die Einrichtung sei ein wichtiger Beitrag, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, sagte Steffen. „Man kann etwas machen und wir tun etwas. Das Projekt setzt genau dort an, wo es nötig ist: Bevor etwas passiert.“

3,5 Prozent der deutschen Männer sehen sich laut einer Studie kinderpornografische Bilder oder Videos an oder hätten dies schon einmal getan, sagte Briken. In einer repräsentativen Online-Befragung unter 8500 Männern habe mehr als ein Prozent ein sexuelles Interesse an Kindern angegeben. Nur 0,1 Prozent der Befragten hätten allerdings gesagt, dies sei ihre sexuelle Vorliebe.

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