Mutmaßlicher 48- Jähriger Pädophiler sieht sich in Opferrolle

Warstein/Arnsberg.   Vor dem Landgericht Arnsberg muss sich ein 48 Jahre alter Warsteiner wegen sexuellen Missbrauchs verantworten. Er sieht sich als Opfer der missbrauchten Jugendlichen.

Bis heute schläft der 14 Jahre alte Junge schlecht, ist viel zu Hause und hat kaum Kontakt zu Freunden. „Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er eine posttraumatische Belastungsstörung davon trägt“, erläutert seine Psychologin. Auslöser für die Schwierigkeiten ist der mutmaßliche sexuelle Missbrauch, für den sich ein 48-jähriger Warsteiner seit dieser Woche vor dem Landgericht Arnsberg verantworten muss.

Am zweiten Verhandlungstag stand am Donnerstag die Aussage des Opfers im Mittelpunkt. Die Öffentlichkeit wurde für diesen Zeitraum von der Verhandlung ausgeschlossen. Die Aussage war nötig geworden, weil der Angeklagte am ersten Verhandlungstag die Tatvorwürfe zwar größtenteils zugegeben hatte, den zu Beginn der Misshandlungen Zwölfjährigen aber als Initiator darstellte (wir berichteten).

Opfer sagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus
„Der Junge sagte, dass Sie ihn auf Pornos und Ähnliches aufmerksam gemacht hätten und dass er Angst hatte, dass etwas passiert, wenn er nicht mitmacht“, gab der Vorsitzende Richter Markus Jäger die Aussage anschließend dem Angeklagten wieder, der vor dem Verhör ebenfalls aus dem Saal geführt wurde. „Er hatte große Angst, Sie hier heute wieder zu treffen.“

Der 48-Jährige soll den Jugendlichen dazu gedrängt haben, sich gegenseitig mit der Hand zu befriedigen. Später soll es in zwei Fällen auch zu Oral- und in einem Fall zu Analverkehr gekommen sein.

Der 48-Jährige hatte bereits morgens seine Aussage von Montag relativiert. „Ich war zu dem Zeitpunkt sein einziger Freund und das habe ich ausgenutzt“, nahm er zumindest eine Teilschuld auf sich, „ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich den Sex nicht anregend gefunden hätte“. Körperlichen Zwang habe er aber nie ausgeübt, betonte er. „Sobald ich spüre, dass ich ihn unter Druck setzen muss, ist bei mir eine Sperre drin.“

Der heute 14 Jahre alte Junge, der Sohn einer früheren Arbeitskollegin, sei besonders frühreif gewesen. „Ich habe ihn gesehen wie einen Erwachsenen“, sagte der 48-Jährige, „das war die schönste Zeit in meinem Leben“.

Mehr als drei Jahre im Gefängnis
Dass der vorbestrafte Sexualstraftäter seine Misshandlungen bereits in der Vergangenheit verharmloste, belegten frühere Verurteilungen. 2001 wurde der damals in Rüthen wohnhafte Angeklagte am Amtsgericht Warstein wegen sexuellen Missbrauchs in drei Fällen zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.

Vor neun Jahren verurteilte ihn das Landgericht Arnsberg zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten, unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs in zwei Fällen und sexuellen Missbrauchs in zehn Fällen. Zu den Opfern gehörten damals sein Sohn, sein Stiefsohn und zahlreiche Freunde der beiden. Nachdem er zwei Drittel der Strafe abgesessen hatte, lehnte das Landgericht Hagen eine vorzeitige Entlassung ab. Ein Sachverständiger hatte erkannt, dass „die Gefährlichkeit fortbesteht“.

Davon geht Gutachter Thomas Schlömer auch heute noch aus. Der Psychiater hatte den Angeklagten im Vorfeld des laufenden Prozesses untersucht. „Er fühlt sich als Opfer, das von den Jugendlichen hintergangen worden ist“, berichtete er, „die Verantwortung für sexuelle Delikte sieht er nicht bei sich“.

Hohe Wahrscheinlichkeit für Rückfall
Anzeichen für eine Persönlichkeitsstörung, die die Schuldfähigkeit vermindern könnte, sieht der Sachverständige nicht, wohl aber eine Selbstwertstörung. In der eigenen Kindheit und Jugend war der Angeklagte vom eigenen Vater geschlagen und misshandelt worden – allerdings nie sexuell. In der „Machtausübung gegenüber den unerfahrenen Jugendlichen“ könnte ein besonders großer Reiz für ihn liegen.

Der Gutachter schätzt, dass die Wahrscheinlichkeit für weitere ähnliche Delikte bei 50 bis 90 Prozent liegt – der Durchschnitt für Täter sexuellen Missbrauchs liegt leicht darunter. Ausschlaggebend für die Prognose sei nach dem Bericht des Psychiaters zum einen, dass der Angeklagte trotz der gravierenden Vorstrafen, die damit einhergingen, dass er nicht nur seinen Job, sondern auch seine Familie verloren hat, weitere Taten begangen hat. Außerdem spreche seine gefühlte Opferrolle dagegen, dass er nach einer zu erwartenden Haftstrafe keine Taten mehr begeht. „Er dürfte eigentlich überhaupt nicht mehr mit Kindern in Kontakt kommen.“

Am Montag wird die Sitzung mit den Plädoyers fortgesetzt. Danach wird das Gericht darüber entscheiden müssen, ob auf die drohende Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung folgt.

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