Nach Kindesmißbrauch beginnt der Kampf zurück ins normale Leben

Lemgo. Vier Jahre ist es her, dass sie den Mann zuletzt gesehen hat. Den Mann, der ihr Vertrauen in die Menschheit für immer zerstört hat. Den Mann, mit dem sie ihr Leben und ihre Wohnung teilte. Und den Mann, der ihren Sohn missbraucht hat. Nun hat sich Linda T. (alle Namen von der Redaktion geändert) an die LZ gewandt. Um ihr Schweigen zu brechen… und das Schweigen der Gesellschaft zu dem Tabuthema. Sobald die Täter verurteilt seien, werde es auch ruhig um die Opfer, sagt sie.

Linda T. ist gerade einmal neun Jahre alt, als sie Stefan S. kennenlernt. Beide besuchen dieselbe Schule, der Kontakt bricht als Teenager ab, als klar wird, dass Stefan in der Drogenszene unterwegs ist. Jahre später treffen sich die beiden wieder. Linda hat in der Zwischenzeit einen Sohn bekommen. Stefan T. ist völlig vernarrt in den Kleinen. Er macht eine Ausbildung zum Erzieher, verdient am Wochenende etwas Geld mit Babysitten. Als ihr kleiner Sohn gerade sechs Monate alt ist, nimmt Linda Stefans Hilfe in Anspruch und lässt ihn auf den Sohn aufpassen…

Die beiden werden ein Paar, ziehen zusammen, als der Sohn drei Jahre alt ist. Während Linda nichts ahnend arbeiten geht, vergreift sich der Freund an dem Jungen. „Dabei war alles so normal, ganz wie in anderen Familien auch“, sagt Linda, heute Anfang 30. Stefan T. zeigt sich verständnisvoll und liebenswürdig. Dabei gibt es zwischen dem Paar kein Sexualleben. „Er sagte, er sei asexuell, und ich habe Verständnis aufgebracht. Ich habe ihn geliebt.“ Im Nachhinein sieht Linda die Zeichen dafür, dass Stefan krank ist.

Nach wenigen Monaten kommt es zum Streit. Linda ist noch ahnungslos, doch verlangt von Stefan T., dass er auszieht. Er will den Kontakt zum Kind, das ihn bereits „Papa“ nennt, aufrechterhalten und besteht auf Zeit alleine mit dem Jungen. „Die Trennung war auch für den Kleinen schwierig“, erinnert sich Linda, warum sie das zuließ. Stefan T. kehrt zurück – als Babysitter.

Dann aus dem Nichts der große Schreck: Linda hat eine Freundin und deren kleinen Sohn zu Besuch. Die Freundin erwischt die Zwei, wie sie sich gegenseitig die Hosen herunterziehen, sich anfassen… „Stefans Spiel“, erklärt Lindas Sohn. Sie geht zur Polizei, äußert ihre dunkelsten Gedanken, doch zeigt Stefan T. zunächst nicht an. „Falls es nur ein Irrtum sein sollte, wollte ich doch nicht sein Leben zerstören“, sagt Linda.

Nun beginnt eine Achterbahnfahrt für die junge Mutter. Die Kripo stößt auf eine Vorstrafe wegen Besitzes von Kinderpornografie in Stefans Akten. 2008 wurde er verurteilt – einen Monat bevor er mit Linda zusammenzog. Mit dieser Erkenntnis wird Linda nach Hause geschickt. Bis ein Haftbefehl vorliegt, könne es sechs Wochen dauern – so lange solle sie unauffällig handeln.

„Ich hatte immer die Frage im Kopf: Hat er etwas mit meinem Kind gemacht“, erinnert sich Linda. Sie lässt sich Ausreden einfallen – trifft sich aber drei Mal mit Stefan T. Die Polizei legt der jungen Frau Fotos vor. „Mal habe ich nichts erkannt, mal war eindeutig die Bettwäsche dabei, die mein Sohn bei einer Übernachtung dabei hatte“, sagt Linda. Das Kopfkino setzt ein. Zu Recht – im November 2009 nehmen die Beamten ihren Exfreund fest.

„Die Zeit war furchtbar“, erzählt Linda. Freunde von Stefan seien ihr zur Arbeit gefolgt. Ihr Vorwurf: Sie zerstöre das Leben eines Unschuldigen. Doch mit dem ersten Prozess im Mai 2010 kommt die Gewissheit. Auf Stefans Laptop finden sich eindeutige Bilder. In der Verhandlung gibt er zu, sich an Lindas Sohn vergangen zu haben. Das Geständnis stimmt das Gericht nach Worten von Linda T. milde, Stefan bekommt vier Jahre und drei Monate. Doch vorbei ist der Spuk nicht. Linda flieht vor der Erinnerung, vor alten Freunden, in eine andere Stadt.

Doch dann steht die Kripo wieder vor der Tür. Eine weitere Festplatte ist entschlüsselt – mit Videos. „Die Angst, dass alles noch viel schlimmer ist, war so groß“, erzählt Linda. In Panik versucht Linda T., sich umzubringen, landet in der Psychiatrie – nach der Entlassung kämpft sich Linda allein durch. Bis zur zweiten Verhandlung. „Im Zeugenstand wurde mir das ganze Ausmaß bewusst.“

Im Juli 2012 muss sich Stefan T. erneut vor Gericht verantworten. Die Beweise? Niederschmetternd. Stefan S. soll nicht nur mehrere Kinder vergewaltigt haben, darunter Lindas Sohn, sondern das Ganze gefilmt und ins Internet gestellt haben.

Stefan S. wird zu elfeinhalb Jahren mit Sicherungsverwahrung verurteilt. Doch die Angst bei Linda T. und ihrer Familie bleibt: Sollte er sich bewähren, könnte er in einigen Jahren wieder auf freiem Fuß sein. 25.000 Euro Schmerzensgeld wurden Lindas Sohn zugesprochen. Geld, das die Familie gut für die Therapiekosten gebrauchen könnte. Aber gesehen haben sie davon bisher nichts.

Lindas Sohn ist älter geworden. „Scheinbar erinnert er sich nicht an das, was ihm zugestoßen ist“, erzählt die junge Mutter. Verhaltensauffällig sei er gleichwohl, habe eine Integrationshelferin. Lindas Leben hat sich normalisiert. Sie hat einen neuen Mann geheiratet und drei weitere Kinder bekommen. Doch: „Die große, wahre Liebe existiert für mich nicht mehr. Ich schätze meinen Mann sehr, aber hundertprozentig vertrauen kann ich niemandem.“

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