ODENWALDSCHULE – Jeder Missbrauch hat Mitwisser

Hartmut von Hentig verteidigt in seiner Biografie einen der Haupttäter im Missbrauchsskandal der Odenwaldschule. Auch auf einer Webseite wird die Demütigung der Opfer weiter betrieben.

Nach der ersten Aufregung um die dritte Biografie des Hartmut von Hentig scheinen sich die Wogen zu glätten – wenn da nicht in der digitalen Welt eine Webseite wäre, die die Demütigung von Beckers Opfern weiter triebe, und eine Community sich um die Rehabilitierung Hentigs bemühte: „Wer wird als Anwalt für die Lern- und Lebensprobleme von Kindern und für eine humane Schule so eintreten, wie es auch heute noch nötig ist, wenn er sich nicht auf die Schriften Hartmut von Hentigs berufen kann?“

Rezensionen verstummen Monate nach dem Erscheinen eines Buches. Man könnte bei einem neuerlichen Beitrag zu Hentigs Text monieren: Lasst den alten Mann endlich in Ruhe! Dieser Aufforderung kann man bei Kenntnis der Lage nicht folgen, weil sich im Internet Hentig und eine Community bemühen, sich in Erinnerung zu halten. Der Blog http://noch-immer-mein-leben.de soll dem „wissenschaftlichen“ Diskurs dienen. In sorgfältig inszenierten Videos beteuert Hentig seine Ahnungslosigkeit, beklagt die erfahrene Widerborstigkeit und empfinde keine Sorge um die dutzenden, geschundenen Kinder seines Lebenspartners Gerold Becker.

Wären die Opfer 30 Jahre später die Kinder geblieben, die sie damals waren, wäre er beigesprungen, nicht aber jetzt, wo sie Aufklärung und Wiedergutmachung verlangen, nicht wenn sie mündig und couragiert ihr Recht einfordern. Hentigs Mitgefühl kennt offensichtlich ein Verfallsdatum. Das entspricht just dem pädagogischen Eros und dem paternalistischen Gestus vieler Reformpädagogen – entgegen der öffentlichen Sprachregelung. Bei vielen Autoren zählte Autorität, Unterwürfigkeit, Aristokratie und Führertum, dies erklärt die Dünnwandigkeit gegenüber und die Anschlussfähigkeit an die NS-Ideologie.

Eine Zustimmungscommunity ist Hentig nicht zu vergällen, aber die Bemühungen gehen in die Richtung, die Kinderschändungen durch Becker an der Odenwaldschule als Kollateralschaden zu verharmlosen. Der vorliegende Beitrag mutmaßt nicht, ob Hentig von der sexualisierten Gewalt wusste, es geht um die konsequente Fortführung des Missbrauchs. Die Lektüre von Hentigs Biografie offenbart Fragmente von Zitaten aus Briefen, die Andreas Huckele Gerold Becker in einer krisenhaften Jugendzeit – substanziell verursacht durch die sexualisierte Gewalt von Becker – geschrieben hat. Hentig wurde nie von Huckele autorisiert, Briefausschnitte aus dem Nachlass Beckers zu zitieren.

Huckele, so von Hentig, leide an einem „false memory syndrom“ und seine „Verkorkstheit“ rühre aus anderen Quellen – also soll er keinen Anspruch auf Urheberrecht sowie Schutz der Persönlichkeit beanspruchen. Wieso auch? – wenn Huckele schon Lebenslügen platzen ließ. Dafür scheint sich Hentig zu rächen. Er schreibt über das Empfinden Beckers, als Huckele über seine Erfahrungen schrieb: „Sein (Beckers) größtes Unglück war nicht die plötzliche und totale Bloßstellung, sondern der Bloßsteller (…) Es kränkte ihn bis zur Wehrlosigkeit, dass sein Geliebter sich auf einmal als sein Opfer sah.“

Der Zögling wird zum Objekt, über ihn wird eigennützig verfügt

Seiten zuvor war sich Hentig mit Blick auf Becker sicher, „er liebte ja mich, und ich liebte ihn.“ War Hentig Beckers Alibi? So plötzlich wurden die beiden 1998 nicht überrascht, wie das Hentig glauben machen will. Huckele konfrontierte Becker bereits am 12.11.1997 in einem Brief mit der durch ihn erfahrenen sexualisierten Gewalt. Weil sich Becker keinen Deut um die Vorwürfe scherte, sendete Huckele am 10.06.1998 ein Schreiben an Schulleitung und Kollegium der Odenwaldschule, wovon Hentig und Becker erfuhren. Teile der Biografie sowie die Webseite nähren den Verdacht, dass es sich um eine medial inszenierte Abrechnung eines gehörnten Ehemanns am vermeintlich obsiegenden Konkurrenten handelt. Gegen mögliche Klagen wurde vorgebeugt. Es sollen Korrekturfahnen im Umlauf gewesen sein, die auf gelöschte Stellen schließen ließen. Absatz- und Satzübergänge sind für den sprachgewandten Philologen Hartmut von Hentig unpassend und stilfremd.

Erziehung hat mit Macht zu tun. Gemäß Max Weber bedeutet Macht jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Erziehung ist die vermittelte Aneignung nicht genetischer Tätigkeitsdispositionen. Kinder werden angeregt, sich kultiviert zu verhalten, was sie naturwüchsig nicht täten. Das Verhältnis zwischen Erzieher und Zögling ist in juristischem Sinne „fremdnützig“. Wie Erziehende handeln, nützt dem Zögling und nicht dem Erwachsenen. Das ist das Wesentliche der Pädagogik.

Wer diese Fremdnützigkeit verletzt, missbraucht seine Macht. Kann sich ein Zögling überdies nicht entziehen, so vollzieht der Erwachsene Machtmissbrauch. In Organisationen mit Merkmalen der „totalen Institution“ (Erving Goffman), können sich die Zöglinge dem Zugriff kaum entziehen, da verläuft die Grenze zur Gewalttätigkeit fließend. Die Gegenüberstellung auf dem Blog, „eine übergriffige Pädagogik (ist) ein Albtraum, der mit allen Mitteln verhindert werden muss. Aber eine beziehungs- und lieblose Pädagogik ist ebenso ein Albtraum“, ist angesichts der Erfahrungen kategorisch falsch.

Um Hentigs Vorgehen als Machtmissbrauch zu entlarven, gilt es den „Machtmissbrauch“ zu differenzieren. Erste Ordnung: Gewalt, Nötigung und Demütigung zu eigenen Zwecken sind Eingriffe in die Integrität. Der Zögling wird zum Objekt, über ihn wird eigennützig verfügt. Die zweite Ordnung des Missbrauchs verletzt den Heranwachsenden als intentionales Subjekt. Seine Intentionen werden als Komplement zum sexuellen Übergriff gedeutet: „Auch du willst es.“

Genauso lauten die Entlastungsargumente vor Gericht bei Vergewaltigungen: „Sie hat es auch gewollt.“ Mit dem Missbrauch zweiter Ordnung werden die Opfer entmenschlicht, denn Intentionalität ist ein Merkmal des Menschen. Becker praktizierte Machtmissbrauch erster und zweiter Ordnung. Er nutzte die Abhängigkeit der Anvertrauten eigennützig für seine Lustgier. Er deutete ihre Intentionen um und entstellte sie zu Objekten – die Kinder hätten den sexuellen Verkehr gewollt. Genau dieser Logik der zweiten Ordnung des Machtmissbrauchs folgt Hentig in seiner Biografie mit dem Dreisatz der Pädophilie (FR vom 24.6.2016).

Hentigs Text ist unmissverständlich, der Missbrauch zweiter Ordnung ist eindeutig. Ulrich Herrmann tut Hentig keinen Gefallen, wenn er am 15.08.2016 im Blog schreibt: „Dieser dritte Band der Hentigschen Lebenserinnerungen enthält Formulierungen, die missverständlich sind, die missverstanden werden können, die kritische Rückfragen zulassen, bei denen dem Autor aber auch Klärungen abverlangt werden dürfen.“ Es gehört zum Wesen eines Textes, dass er abgelöst vom Autor bestehen kann. Der Philologe Hentig ist der Sprache mächtig genug, um einen Text zu schreiben, der keiner nachträglichen Befragungen bedarf.

Die starken Worte gegen Hentigs Kritiker tragen nicht zur Aufklärung bei: Die Kritik an seiner Biografie mit sowjetischen Schauprozessen zu vergleichen, verachtet die Opfer der Diktatur. Die Strategie, Kritiker mit den Kategorien „Jagdgesellschaft, Keulenschwinger und Konvertiten“ zu diffamieren, versagt. Das Problem liegt nicht mehr bei Becker, sondern im Versuch der Selbst- und Fremdabsolution. Hentigs Biografie „Noch immer Mein Leben“ ist selbst das Problem, weit weg von einer Sippenhaft. Die Verteidiger schreiben an der falschen Front und ernten den Applaus überdies von der falschen Seite. Der eilfertig aktualisierte Blog dient einzig der Alimentierung von Mutmaßungen und der Reinwaschung. Fakt ist: Die Berichte der Aufklärerinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann, „Pädagogik, Elite, Missbrauch“ von Jürgen Oelkers und „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ von Huckele wurden nie entkräftet.

Opfer als unzurechnungsfähig entmündigt

Die Biografie Hentigs und der Blog machen sich selbst zum Problem. Wenn die Berichte nicht widerlegt sind und Hentig sich befleißigt, Beckers Lustobjekte als unzurechnungsfähig zu entmündigen, dann kann er nicht verteidigt werden. Hentig widerspricht seinen früher vertretenen Prinzipien der kindgemäßen Erziehung. Seine oft zitierten Äußerungen zu Erziehung und Bildung bestehen angesichts der heutigen Regie des Verteidigungsreflexes den Lackmustest nicht. Anstatt Wissenschaftlichkeit zu mimen, sollten die Verehrer fragen: Welche Inszenierung trieb Becker und welche Akteure nutzte er? Wer profitierte von Beckers Tun? Wieso rechnet kein Nachruf mit Becker ab, sondern mit Aufklärern und Kritikern? Kein Wort zum System?

Die Biografie und der Blog fokussieren auf Hentig und Becker. Es wird vermieden, die Systembedingungen, wie sie in der Odenwaldschule exemplarisch gegeben waren, zu benennen. Kinderschändung, Demütigung, Mobbing- sowie Gewaltdynamiken können nur stattfinden, wenn es Bedingungen gibt, die sie nicht behindern, Akteure schweigen und den Machtmissbrauch nicht stoppen. Jeder Missbrauch hat Mitwisser. Becker war bei weitem nicht der einzige Nutznießer in der Odenwaldschule und im sorgfältig gesponnenen Netzwerk. Jedes Schweigen stabilisiert ein System: Wer schweigt, scheint zuzustimmen. Solange in Hentigs Internetauftritt die Texte als Beiträge zu einer demokratischen Meinungsbildung verdeutelt werden, solange wird der Selbstnobilitierung und dem Versuch, die Deutungshoheit zurückzugewinnen, ein frostiger Wind entgegen wehen.

Man muss sich fragen, wie Vertreter einer Disziplin, die soeben einen Totalschaden des Prestigeobjektes und seiner Protagonisten zu beklagen hat, mit den Folgen umgehen. Anstatt sorgfältig zu klären, wie das Desaster zu erklären ist und welche Schlüsse für die Prävention zu ziehen sind, wird Denkmalschutz betrieben, obwohl sich das Denkmal längst selbst demoliert hat.

Damian Miller (54) ist Primarschullehrer und Erziehungswissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in der Schweiz. Miller gab mit Pädagogik-Professor Jürgen Oelkers das Buch „Reformpädagogik nach der Odenwaldschule – wie weiter?“ heraus.

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