„Pädophilie ist eine Diagnose, kein Verbrechen“

Pädophilie-Therapien sollen zur Kassenleistung werden, um potenzielle Missbrauchsopfer zu schützen. Ein Präventionsprogramm ist bis 2022 sicher finanziert.

 Therapeutische Angebote für Pädophile waren lange umstritten, obwohl sie mögliche Opfer vor sexuellem Missbrauch schützen können. Künftig könnten die Krankenkassen ein Modellprojekt finanzieren, kündigte der Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit am Dienstag an. Damit ist die Fortführung des bundesweiten Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“, dessen Finanzierung als gefährdet galt, wohl gesichert.

Am Berliner Universitätsklinikum Charité wurde 2005 das Therapieprojekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ ins Leben gerufen. Ziel ist es seither, Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen und den Konsum von Kinderpornografie zu verhindern – durch Therapien für Pädophile. 2011 wurde zusätzlich „Kein Täter werden“ mit bundesweit elf Standorten gegründet. Mehr als 7000 Menschen, meist Männer, haben sich seither an das Netzwerk gewandt. Freiwillig und anonym, denn vor allem die Stigmatisierung auch von Pädophilen, die nicht zu Tätern werden, ist ein Problem. Mehr als 1260 von ihnen konnte inzwischen ein Therapieangebot gemacht werden. Rund 660 haben seitdem eine Therapie begonnen, 251 haben sie erfolgreich beendet, 140 abgebrochen. Zehn bis 20 Prozent der Patienten entscheiden sich in der Therapie auch für Medikamente, die das sexuelle Erleben dämpfen.

Wehrlose Kinder

„Bereits erste wissenschaftliche Evaluationen des Projektes haben eindeutig gezeigt, dass das Behandlungskonzept geeignet ist, bekannte Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch zu senken und bei Betroffenen eine erfolgreiche Verhaltenskontrolle aufzubauen“, sagte Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier, Sprecher des Netzwerkes „Kein Täter werden“. Eine Studie zu 23 Personen, die ihre Therapie vor fünf Jahren beendet hatten, habe gezeigt, dass keine dieser Personen danach ein Kind oder einen Jugendlichen sexuell missbraucht habe. „Pädophilie ist eine Diagnose, kein Verbrechen“, sagte Beier. Sie sei nicht heil-, aber behandelbar. Und: „Sie war immer Teil und wird immer Teil der Menschheit bleiben.“ Rund 40 Prozent des Kindesmissbrauchs geht nach Beiers Schätzungen auf pädophile Männer zurück. Der Rest seien unter anderem Ersatzhandlungen von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oder Gewalttätern, die in Kindern als wehrlosen Opfern den Weg des geringsten Widerstands sehen.

„Wenn wir Tätern helfen, ihre Neigungen zu unterdrücken, ist das der beste Opferschutz“, sagte Christiane Wirtz, Staatssekretärin im Bundesministerium der Justiz. Deshalb gab es die Idee, die Therapien zu Regelleistungen der gesetzlichen Kassen zu machen. Wirtz hat die bundesweite Kriminalstatistik mit rund 14 000 Fällen von sexueller Gewalt gegen Kinder im Jahr im Blick. Die Dunkelziffer gilt als weitaus größer.

Das Bundesjustizministerium hatte das Präventionsprogramm seit 2008 mit zuletzt 585 000 Euro finanziert. Doch das Förderprogramm läuft im nächsten Jahr aus, übergangsweise wird es nun für 2017 vom Land Berlin übernommen. Inklusive der Förderungen durch die Bundesländer stehen dem Netzwerk rund 1,4 Millionen Euro zur Verfügung.

Jetzt scheint die Weiterfinanzierung abgesichert. Die Krankenkassen wollen das Programm künftig als Modellprojekt bis 2022 mit jährlich mit fünf Millionen Euro fördern. Ziel sei es, die Behandlung zu einer Kassenleistung zu machen, sagte Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit. Noch im November soll die Gesetzesänderung im Bundestag beschlossen werden.

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