Prozess im bayerischen Deggendorf gegen Priester wegen schweren sexuellen Missbrauchs: Fatales Vertrauen – Der Mann hatte das Vertrauen vieler Familien ausgenutzt.

Ex Prister vor Gericht - Aussage verweigert © Foto. F.A.Z.

Zwei seiner Opfer waren Brüder. Auf einer Pilgerreise in Polen hatte der ehemalige katholische Priester 1997 die Mutter der damals acht und zwölf Jahre alten Jungen kennengelernt. Man freundete sich an, es folgten Besuche – auch über mehrere Tage – in der Wohnung der Familie. Das Vertrauen ging soweit, dass die Mutter dem Priester ihren zwölf Jahre alten Sohn für eine Wallfahrt nach Bosnien-Herzegowina anvertraute. Der Junge schlief im Zimmer des Priesters. Später zog der Mann sogar für eine Zeit lang bei der Familie ein.

Es war dieses Vertrauen, das der heute 53 Jahre alte ehemalige Priester laut Anklage dazu nutzte, um sich dutzender Fälle schwersten sexuellen Missbrauchs an Kindern schuldig zu machen. Seit Ende Dezember muss er sich vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Deggendorf verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er von 1996 bis zum Sommer 2003 die beiden Brüder bei jeweils rund 90 Gelegenheiten sexuell missbraucht habe. Die Jungen waren zu den mutmaßlichen Tatzeiten jeweils zehn bis vierzehn Jahre alt. Zudem soll er auch zwischen 1995 und 1996 versucht haben, eine achtzehn Jahre alte Frau in einer Wohnung in Österreich zu vergewaltigen. Schon früher habe er „sexuelle Berührungen“ mit ihr erzwungen, wobei sie sich ihm „aus Angst und Drohungen eingeschüchtert“ gebeugt habe.

Vorbestraft und nicht mehr im Priesteramt

Vor Gericht schwieg der Mann bislang. Auch am Dienstag ließ er über seinen Anwalt mitteilen, dass er im Moment nicht aussagen werde. Der ehemalige Priester ist einschlägig vorbestraft, 2004 hatte ihn das Landgericht Karlsruhe wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellem Missbrauch eines Kindes in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Diesem Urteil lagen jedoch andere Straftaten als die nun angeklagten Taten zugrunde. Auch aus dem Klerikerstand wurde er laut Anklage im Januar 2008 ausgeschlossen, weil er „mehrfach unter Ausnutzung seiner Stellung als Priester Sexualstraftaten an Minderjährigen“ begonnen habe.

Im Haus der Familie der beiden Brüder wohnte der Angeklagte, der dort ein eigenes Zimmer hatte, über Monate. Etwa alle zwei bis drei Nächte betrat der damalige Priester laut Anklage das Zimmer des einen Jungen und missbrauchte ihn. Die Staatsanwaltschaft spricht von „mindestens 30 Gelegenheiten“. Weitere ergaben sich demnach auf Fahrten zu Gottesdiensten. In seinem Auto habe sich der damalige Priester an dem Jungen vergangen, der ihn begleitete, da er bei den Gottesdiensten ministrierte. So sei er mit dem Jungen „mindestens einmal“ auf einen Parkplatz gefahren, um ihn dort zu missbrauchen.

Opfer kämpfen mit den Folgen

Den zu diesem Zeitpunkt etwa zehn Jahre alten Bruder des Jungen hat der damalige Priester laut Anklage zudem körperlich misshandelt. Er habe ihn „durch Ohrfeigen und Ziehen an den Ohren zur Strafe für schlechtes Benehmen gezüchtigt“. Auch sei es „nicht ausschließbar“ wiederholt zu Schlägen auf das nackte Gesäß gekommen. Die Folge war laut Staatsanwaltschaft beabsichtigt: Der Junge stand auf diese Weise ihm gegenüber in einem „Über-Unterordnungsverhältnis“. Im Kinderzimmer, auf dem Dachboden, in seinem eigenen Zimmer, im Bad oder auch auf gemeinsam Urlaubsreisen mit der Familie ins Ausland nahm der Angeklagte zudem sexuelle Handlungen an dem Kind vor – so sieht es die Staatsanwaltschaft.

Als der damalige Priester den Jungen nach der ersten sexuellen Missbrauchshandlung gefragt habe, ob das wohl eine Sünde sei, habe das Kind erwartungsgemäß mit „Nein“ geantwortet. Daraufhin bestand der Angeklagte jedoch darauf, dass es eine Sünde sei. Laut Staatsanwaltschaft sollte der Junge so davon abgehalten werden, seinen Eltern von den Handlungen zu berichten. Erst Jahre später, etwa 2010, wurde dem inzwischen 21 Jahre alten Mann bewusst, welche „Tragweite die Handlungen des Angeschuldigten hatte“. Er litt unter erheblichen Konzentrationsstörungen, musste seine Lehre abbrechen. 2014 dann habe er sich in psychiatrische Behandlung begeben.

Staatsanwaltschaft geht von Störungen aus

Dass gegen den ehemaligen Priester nun abermals ermittelt wurde, ging jedoch zunächst nicht auf die Angaben der Brüder zurück. Er soll auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe im Jahr 2012 sowie 2015 und 2016 bei „mehr als 20 weiteren Gelegenheiten“ Sexualstraftaten an Jungen verübt haben. Eines dieser Kinder offenbarte sich schließlich seiner Mutter. Die angeklagten Taten hat der Mann laut den Ermittlungen in Österreich, Polen, der Schweiz, im Raum Mainz und im Landkreis Deggendorf begangen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft liegt bei dem Angeklagten eine „Störung der Sexualpräferenz im Sinne einer Pädophilie“ vor. Daher habe er die Taten im Zustand der „verminderten Schuldfähigkeit“ begangen. Es liegen demnach deutliche „narzisstische dissoziale und psychopathische Persönlichkeitszüge“ vor. „Das Störungsbild erfüllt den Schweregrad einer schweren anderen seelischen Abartigkeit.“ Es seien von ihm weitere erhebliche Taten – insbesondere Sexualstraftaten – zu erwarten.

Laut Anklage soll sich der Mann auch nach der Entlassung aus dem Klerikerstand als katholischer Priester ausgegeben haben. Dabei habe er nicht nur Gottesdienste zelebriert und Beichten abgenommen, sondern auch mindestens 100.000 Euro erschlichen. In einer E-Mail hat er sich demnach als „Gott“ ausgegeben, um so einer finanziellen Forderung an ihn entgegenzutreten.

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