Sexuelle Gewalt Vor aller Augen – Ein Darmstädter Lehrer vergewaltigte 38 Jahre lang Schüler – Nun berichten die Opfer

Ort Darmstadt Credit OHNE Legende Taeter Erich BuÃ.

Ein Darmstädter Lehrer vergewaltigte 38 Jahre lang Schüler. Opfer berichten, wie er sie zu sich nach Hause lockte – und niemand ihnen half.

Das Leiden hätte ein Ende haben können an diesem Vormittag vor fast 40 Jahren. Andreas Ratz erinnert sich noch gut daran, wie er damals auf einer Holzbank vor dem Büro der Schulleiterin hockte. Er habe vorsichtig angeklopft, erzählt er, es gehe „um einen Lehrer“, habe er der Sekretärin gesagt.

Ungefähr eine Stunde lang habe er im Flur gewartet, sagt Andreas Ratz. Er habe auf die geschlossene Bürotür gestarrt, sich Worte zurechtgelegt und wieder verworfen. In seinem Inneren kämpfte die Furcht vor dem Gespräch mit der Rektorin gegen die Wut auf den Mann, der sein Leben so brutal aus der Bahn geworfen hatte. Und der gerade dabei war, anderen Kindern dasselbe anzutun.

Mit 12 oder 13 Jahren sei ihm klar geworden, dass auch seine beiden jüngeren Brüder inzwischen zum Lehrer Buß nach Hause gingen, erzählt Andreas Ratz. Deshalb saß er nun dort, vor dem Schulleiterbüro im Verwaltungsgebäude der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule. „Ich dachte, das geht so nicht weiter. Es musste endlich aufhören.“

Für ihn fühlte es sich an wie eine Ewigkeit, bis die Bürotür aufging und die Rektorin vor ihm saß, aufrecht, steif, mit misstrauischem Blick. Er weiß nicht mehr genau, was er damals sagte. Es seien gewiss nicht die Worte gewesen, die er heute findet, um die Verbrechen seines früheren Lehrers zu benennen. Er sprach nicht über anale und orale Vergewaltigungen, er nannte keine Details wie die schleimige Lehrerzunge in seinem Mund, die ihm Brechreiz verursachte. Aber er ist sicher, dass er deutlich genug war: „Sie musste verstanden haben, dass der Buß mich und andere Jungen aus der Schule jahrelang missbraucht und vergewaltigt hatte“, sagt Andreas Ratz. „Aber sie glaubte mir nicht.“ Mit einer kühlen Verabschiedung habe sie ihn weggeschickt. Der Lehrer konnte weitermachen. Er führte sogar Tagebuch über seine Taten.

 Andreas Ratz ist heute 53 Jahre alt. Er hat seinen Nachnamen geändert und lebt in Norddeutschland, weit entfernt von Darmstadt. Wenn helles Licht auf sein Gesicht fällt, kann man die harten Zeiten erahnen, die er hinter sich hat, mit Drogen, Alkoholabstürzen, Psychotherapien, Arbeitslosigkeit und Selbstmordgedanken.

Er war zehn Jahre alt, als er zum ersten Mal von seinem Lehrer Erich Buß vergewaltigt wurde, und es dauerte an, bis er 13 war. Manchmal habe Buß ihn dreimal am Tag missbraucht, berichtet Andreas Ratz. Etwa wenn er, mit Wissen seiner Mutter, die Nacht bei seinem Lehrer verbrachte. Heute weiß er, dass es vielen anderen Jungen genauso erging.

Andreas Ratz ist eines von 35 Missbrauchsopfern des Grund- und Hauptschullehrers Erich Buß, deren Geschichten zwei hessische Juristinnen aufgearbeitet haben. Die Wiesbadener Rechtsanwältin und Missbrauchsexpertin Claudia Burgsmüller und die ehemalige Oberlandesgerichtspräsidentin Brigitte Tilmann haben mehr als ein Jahr lang die Verbrechen des 2008 verstorbenen Lehrers recherchiert. Sie haben Interviews mit Opfern geführt, Strafakten und Protokolle ausgewertet, Aufzeichnungen und Briefe des Täters gelesen.

Sie haben auch mit Eltern und ehemaligen Kolleginnen des Lehrers gesprochen sowie mit Verantwortlichen wie der früheren Schulleiterin; mit Menschen, die trotz vieler Hinweise und Warnungen nicht sahen oder nicht sehen wollten, was vor ihren Augen über Jahrzehnte an der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule passierte. Experten und Betroffene halten ihren Bericht für eine der umfassendsten und deutlichsten Aufarbeitungen eines Falls von massenhaftem, jahrzehntelangem sexuellem Kindesmissbrauch, die in Deutschland zu finden ist.

Burgsmüller und Tilmann hatten bereits 2010 und 2012 zwei Dokumentationen zum sexuellen Missbrauch an über 130 Schülern der Odenwaldschule geliefert, basierend im Wesentlichen auf Aussagen von Missbrauchsopfern. Im Fall Elly-Heuss-Knapp-Schule konnten sie jedoch wesentlich tiefer graben. Hier lagen ihnen unter anderem zahlreiche Tagebuchaufzeichnungen des Täters vor. Einige dieser Niederschriften hatte Buß vor seinem Tod seinen früheren Opfern selbst geschickt.

So gelangen den Juristinnen nicht nur Einblicke in die Psyche des Täters, seine Strategien und Tarnungen. Vor allem offenbart ihr Bericht verheerende Versäumnisse von Ermittlungsbehörden, der Schulverwaltung, dem Lehrerkollegium und der Schulleitung. Immer wieder gab es Hinweise, Warnungen, sogar Ermittlungsverfahren gegen Buß. Sie wurden jedoch fast immer eingestellt nach allenfalls halbherziger Überprüfung: „Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß die zuständigen Institutionen hier versagt haben“, beklagt die ehemalige Richterin Tilmann.

Erst 2005, nach mehr als vier Jahrzehnten exzessiv ausgelebter Pädosexualität, wurde Buß für einen kleinen Teil seiner Taten zur Verantwortung gezogen. Das Urteil des Darmstädter Landgerichts lautete auf vier Jahre Haft wegen 15 nachgewiesenen und noch nicht verjährten Fällen sexuellen Missbrauchs.

Tatsächlich, das zeigen die Recherchen von Burgsmüller und Tilmann, muss man von einer vierstelligen Zahl von Übergriffen und Vergewaltigungen ausgehen. Buß selbst hatte in einer Vernehmung bei der Polizei gesagt, dass er in den Siebzigerjahren überschlägig etwa hundert „Besucher“ empfangen habe, zu etwa 1500 Treffen.

Viele seiner Opfer, das jüngste gerade mal fünf Jahre alt, wurden über viele Jahre hinweg von ihm missbraucht, mitunter mehrfach täglich, an mehreren Tagen in der Woche. Die ersten belastbaren Hinweise auf sexuelle Übergriffe stammen aus den frühen Sechzigerjahren. Nach Einschätzung der Juristinnen zogen sich die Taten vermutlich bis 2003 hin. Da war Buß längst pensioniert, aber nach Berichten von Betroffenen pflegte er Kontakte zu einem Kinderheim. Zudem soll er weiter über Nachhilfestunden Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gesucht haben.

„Es ist erschreckend, in welchem Ausmaß die zuständigen Institutionen hier versagt haben“, beklagt die ehemalige Richterin.

Erich Buß war 38 Jahre lang, von 1954 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1992, Lehrer an der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Es ist eine unscheinbare, idyllisch gelegene frühere Volksschule aus den Fünfzigerjahren in einer einfachen, kleinbürgerlichen Wohngegend im Süden Darmstadts. 1964 wurde sie in eine Grund- und Hauptschule umgewandelt.

Ehemalige Kolleginnen beschreiben Buß als „kleinen und dürren Mann“, der vor allem durch sein demonstratives Engagement für Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen aufgefallen sei. In der Schule präsentierte sich Buß als 68er, als überzeugter Anhänger einer antiautoritären Reformpädagogik. Er habe sich oft angeboten, schwierigen Schülern Nachhilfe zu geben oder unsicheren Kollegen den Sexualkundeunterricht abzunehmen. Viele jüngere Kolleginnen hätten ihn als „großen Pädagogen“ betrachtet und angehimmelt, erzählte eine Lehrerin den beiden Ermittlerinnen: „Wie die Groupies umschwirrten wir ihn!“

Dabei war im Kollegium immer wieder Gesprächsthema, dass Buß jede professionelle Distanz zu seinen Schülern vermissen ließ. Es kursierten Geschichten über gemeinsame Urlaubsreisen und Ausflüge des Lehrers mit Schülern. Bei einem Fest, zu dem Buß Kolleginnen zu sich nach Hause einlud, fiel einer Lehrerin ein etwa zwölfjähriger Junge auf, der zu dieser Zeit ganz offensichtlich bei Buß gewohnt habe. Sie habe sich nichts dabei gedacht, so die Lehrerin später, sondern Buß dafür bewundert, „dass er schwierige Kinder sogar bei sich aufnimmt, um ihnen weiterzuhelfen“.

In Wahrheit hatte Buß ganz egoistische Interessen, das zeigen auch seine Tagebücher. Die ältesten Aufzeichnungen, die Burgsmüller und Tilmann vorliegen, stammen aus den frühen Sechzigerjahren. Ab August 1961 etwa beschreibt Buß, damals Anfang dreißig, seine Liebesgefühle gegenüber einem zwölfjährigen Schüler, dem er nachmittags Klavierunterricht gibt. Es kommt zum Konflikt mit den Eltern. Buß redet ihnen ein, dass es gut für den Jungen und seine Entwicklung wäre, wenn er eine Zeit lang bei seinem Lehrer wohnen würde.

Die Taktik verfängt: Mindestens zwei mehrwöchige Aufenthalte des Jungen in der Wohnung von Buß haben die beiden Juristinnen rekonstruieren können. Was dort passierte, lassen die frühen Aufzeichnungen des Lehrers noch offen. Erst Jahre später beginnt er, sexuelle Übergriffe auch explizit zu benennen.

„Extrem selbstbezogen und larmoyant“ wirkten die bis weit in die Achtzigerjahre hineinreichenden Aufzeichnungen des Lehrers auf die Juristinnen. Sie quälten sich durch langatmige, pubertär klingende Schwärmereien und durch Passagen, in denen Buß weinerlich darüber klagte, dass sich das eine oder andere Opfer seiner Begierde zunehmend von ihm abwandte. Mitunter steigerte er sich dann in Gewalt- und Mordfantasien: „Ich muß diesen Jungen töten, damit er mein ist und mein bleibt“, schrieb er etwa 1981. Und wenn sich Kinder zur Wehr setzten, darauf gibt es Hinweise, dann brach er den Widerstand wohl auch mit körperlicher Gewalt. Er habe sich, so notierte er einmal, „in der vergangenen Nacht die Hingabe des Jungen erkämpft. Ich hatte keine andere Wahl, er auch nicht.“

Auf manchen Seiten hielt Buß akribisch wie ein Buchhalter fest, welche Kinder wie lange bei ihm waren. Bisweilen fertigte er sie im 20-Minuten-Rhythmus ab. Seine Opfer berichten, dass Buß an Nachmittagen oft drei bis fünf Jungen zu sich eingeladen hatte und dann einen nach dem anderen zu sich ins Schlafzimmer holte. „Er war unersättlich“, sagt die Missbrauchsexpertin Claudia Burgsmüller.

Das musste auffallen. Schon Mitte der Sechzigerjahre, so notiert Buß in seinen Aufzeichnungen, habe ein von ihm missbrauchter Schüler wohl „in seiner Klasse geplaudert“. Buß glaubt, er sei aufgeflogen: „Ich hatte das Gefühl, daß meine Lehrerkollegen davon wußten und daß auch evtl. Polizeibeamte davon erfahren hatten.“ Erleichtert stellt er jedoch fest: „Es kam zu keiner offiziellen Anzeige.“ Nicht einmal ein Disziplinarverfahren sei eingeleitet worden.

Und so ging es weiter. In den Osterferien 1973 wird Buß in der Schweiz sogar festgenommen und in U-Haft gebracht, weil er während eines Urlaubs mit einem 14-jährigen Schüler beim Diebstahl einer Uhr erwischt wurde. Die habe sich der Junge unbedingt gewünscht, verteidigt sich Buß. Bei einer Durchsuchung finden die Polizisten noch weiteres Diebesgut aus sechs Besuchen in Schweizer Geschäften, darunter einen Elektrorasierer, Cognac, einen Kassettenrekorder und ein Glas Nutella.

Die deutschen Behörden werden informiert, doch die Staatsanwaltschaft verzichtet aus heute unerklärlichen Gründen auf eine Vernehmung des Schülers. Buß versichert, er habe keinerlei sexuelle Beziehung zu dem Jungen, und kommt mit einer Geldstrafe wegen Diebstahls davon. Auch die Schulaufsicht in Darmstadt sieht keinen Grund, den Lehrer künftig von Schülern fernzuhalten oder zumindest gezielte Nachforschungen anzustellen.

Der Staatsanwaltschaft und dem Schulrat präsentiert Buß eine abenteuerliche Erklärung des Vorfalls: Er beruft sich auf pädagogische Rezepte des Briten A. S. Neill, eines in den Siebzigerjahren populären Vordenkers der antiautoritären Erziehung.

Der 14-Jährige, um den er sich in seiner Freizeit gekümmert habe, besitze „eine gewisse Neigung zu Diebstählen“, behauptet Buß. Als Pädagoge habe er, ganz im Sinne der modernen Erziehungstheorie, das Vertrauen des Jungen gewinnen wollen, sich zu diesem Zweck „ganz auf seine Seite gestellt“ und an den Diebstählen beteiligt. Natürlich nur aus pädagogischen Gründen, so Buß: um den Jungen wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Andreas Ratz, der einstige Schüler von Buß, lacht bitter, er kennt die Methode: „Mit mir ist er auch durch die Geschäfte gezogen und hat geklaut.“ Dadurch habe Buß ihn aber nicht nur zum Vertrauten machen wollen, sondern zum Komplizen, zum vermeintlich Mitschuldigen: „Es stand dann immer die Drohung im Raum: Wenn du etwas über uns verrätst, dann kommst du auch ins Gefängnis. Denn du hast ja immer alles mitgemacht.“

Andreas war zehn, als er mit seiner Mutter und seinen zwei Brüdern nach Darmstadt zog. Ein Scheidungskind, neu in der Stadt, bedrückt von dem Gefühl, eine große Belastung für die alleinerziehende Mutter zu sein. Die habe sich komplett ihrem Beruf und ihrem alkoholkranken Liebhaber zugewandt, erzählt er. Sie sei immer froh gewesen, wenn die Kinder zu Hause nicht störten.

„Dann komme ich in die neue Schule und treffe endlich mal auf jemanden, der mir zuhört, der sich in der Pause zu mir auf den Schulhof stellt und mit mir über den Wald und über Frösche spricht.“ Andreas kann es kaum fassen, dass sein neuer Lehrer ihm gleich das Du anbietet. Und ihn nach nur einer Woche fragt, ob man nicht zusammen auf dem Kreidler-Moped des Lehrers in den Odenwald fahren möchte, um sich Wildschweine anzuschauen.

„Ich habe in meinem Leben literweise Alkohol in mich reingeschüttet, um das loszuwerden.“

Buß muss ein gutes Gespür dafür gehabt haben, welche Kinder sich gefahrlos zu ihm nach Hause einladen ließen, vorgeblich zum Hausaufgabenmachen, zur Nachhilfe oder zum Spielen mit der Carrera-Bahn. In seinen Aufzeichnungen hielt er oft fest, aus welchen Familienverhältnissen die Kinder stammten und wie ihre Eltern reagierten. Manche Eltern versuchte er gegeneinander auszuspielen, zu anderen suchte er engen Kontakt. Er lud sie ein, verwickelte sie in Gespräche, brachte sie dazu, ihre Kinder bei ihm übernachten zu lassen: „Ich hatte einmal großes Vertrauen zu diesem Mann“, berichtete eine Mutter von zwei missbrauchten Brüdern später. „An Weihnachten war er bei uns, weil er keine Familie hat.“

Die Mutter von Andreas Ratz räumte im Gespräch mit den Juristinnen ein, dass es klare Hinweise auf sexuelle Übergriffe durch den Lehrer gegeben habe. Auch eine Nachbarin habe sie darauf angesprochen. Die Aussagen der Frau sind verstörend. Mal sagt sie, dass sie die Hinweise nicht richtig wahrgenommen habe. Dann erklärt sie, sie habe nicht gewusst, was sie machen sollte. Sie habe Buß für „engagiert und offen“ gehalten und gedacht, dass eine männliche Bezugsperson nach der Trennung von ihrem Ehemann gut für ihre Söhne sei. Sie deutet an, die Möglichkeit sexuellen Missbrauchs dabei nicht ausgeschlossen zu haben. Und trotzdem ließ sie die Jungen zu ihm gehen.

Wie konnte es sein, dass der Lehrer so viele Jahre weitermachen konnte? Ihn niemand stoppte? In der Schule beobachteten seine Kollegen, wie Buß mit seinem Moped auf den Schulhof rollte. Auf dem Rücksitz einer seiner Schüler, eng an Buß geschmiegt, „die Arme um ihn herumgeschlungen“, wie eine Lehrerin berichtet. Eine andere Kollegin erzählte, dass sie Anfang der Neunzigerjahre mit dem konkreten Hinweis einer Mutter zur Rektorin gegangen sei: Buß wolle ihrem Jungen Nachhilfeunterricht geben, aber es bestehe der Verdacht, dass er übergriffig sei.

Sie kenne diese Gerüchte auch schon von anderen Eltern, habe die Rektorin geantwortet. Aber man habe keine Beweise. Man könne Buß deshalb nicht anzeigen.

Es ist dieselbe Rektorin, vor deren Büro Andreas Ratz in den Siebzigerjahren gewartet hatte. Helga H. führte die Schule mehr als 20 Jahre lang, von 1974 bis 1995. An das Gespräch mit der Lehrerin könne sie sich nicht erinnern, sagte sie den Juristinnen. Das Gespräch mit Andreas Ratz habe nie stattgefunden. Und ebenso nicht jenes zweite Gespräch über Buß, von dem ein jüngerer Bruder von Andreas Ratz berichtet. Er sagt, die Rektorin habe ihn mit einem Satz abgebügelt, als er ihr von Übergriffen des Lehrers berichtet habe: „Diese Räuberpistole haben mir schon deine Brüder erzählt, und jetzt raus hier.“

Kolja Wlazik, so heißt der Bruder, steht an einem herbstlich-kalten Freitag im November auf dem Hof der Elly-Heuss-Knapp-Schule und erinnert sich an seine Kindheit dort. Er hat inzwischen eine klare Sprache für die Dinge, die ihm passiert sind. Er rede nicht von Kindesmissbrauch, weil das Wort schon eine Verharmlosung sei: „Wenn ein Erwachsener Kinder dazu bringt, Sex mit ihm zu haben, dann ist das eine Vergewaltigung. Punkt.“

Er selbst sei acht Jahre alt gewesen, als Buß ihm zum ersten Mal vergewaltigt habe, erzählt Kolja Wlazik. Er habe im Wohnzimmer des Lehrers auf einem Sitzsack mit Styroporkügelchen gesessen, „dann hat Buß mich auf seinen Schoß genommen und fing an, mich anzugrapschen“. Das Sperma des Lehrers, sagt Kolja Wlazik und zeigt auf seinen Hals, „klebt bis zum heutigen Tag an meinem Gaumen. Ich habe in meinem Leben literweise Alkohol in mich reingeschüttet, um das loszuwerden. Aber es ist immer noch da“.

Viele der Betroffenen, mit denen Burgsmüller und Tilmann gesprochen haben, berichten von Alkoholismus, Drogen, endlosen Therapien, abgebrochenen Ausbildungen und krachend gescheiterten Beziehungen. Sie klagen über ihre Schwierigkeit, Nähe zu Partnern zuzulassen, Vertrauen zu entwickeln, Liebesbeziehungen einzugehen. „Es ist so traurig zu sehen, wie viele dieser Menschen in ihrem Leben wahrscheinlich weit unter ihren Möglichkeiten geblieben sind“, sagt Brigitte Tilmann.

Helga H., die Rektorin, ist heute 80 Jahre alt. Eine Frau mit vollem, schulterlangem weißem Haar und fester Stimme. Sie lebt hinter der dunkelgrauen Klinkerfassade eines Einfamilienhauses am Rande des Odenwaldes. Nun steht sie in der Tür und erklärt, sie wisse nicht, ob sie mit Journalisten überhaupt sprechen oder lieber einen Anwalt einschalten soll. Die Schule sei ihr immer wichtig gewesen, sagt sie schließlich, „aber noch wichtiger waren natürlich die Kinder“. Dann schließt sie die Tür wieder.

In den drei Gesprächen mit ihnen habe sie sehr mitgenommen und bedrückt gewirkt, berichten Burgsmüller und Tilmann. Es gehe ihr sichtlich unter die Haut, was den Kindern angetan worden sei.

Nachdem die beiden Juristinnen im Herbst ihren Bericht bei ihrem Auftraggeber, dem Kultusministerium, abgegeben hatten, sagte die Landesregierung jedem Betroffenen eine Hilfe von 10.000 Euro zu, als Schmerzensgeld. Die Expertinnen bieten zudem an, ihre Erkenntnisse an der Elly-Heuss-Knapp-Schule detailliert vorzustellen. Sie könnten Empfehlungen geben und etwa erklären, an wen Lehrer und Eltern sich wenden können, wenn ihnen etwas Verdächtiges auffällt. Auch Andreas Ratz sagt, er würde kommen und sich den Fragen von Eltern, Lehrern und eventuell auch Kindern stellen.

Eine Rückmeldung habe es bis heute nicht gegeben, sagt Burgsmüller. Die amtierende Schulleiterin verweist bei Nachfragen auf das Schulamt, das sei zuständig.

Selbst in ihrem aufwendigen Bericht sei es ihnen noch nicht gelungen, das vollständige Ausmaß des Falles zu beleuchten, so Burgsmüller und Tilmann. Auch die 35 genannten Opfer seien nur ein Zwischenstand. Die Juristinnen wissen mittlerweile noch von mindestens 8 weiteren Opfern des Lehrers, die sich zum Teil erst kürzlich bei ihnen gemeldet haben.

In Deutschland müsse man davon ausgehen, „dass in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Mädchen und Jungen sind, die von sexueller Gewalt betroffen sind“, sagt Wilhelm Rörig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Das ist eine rein statistische Zahl, hochgerechnet auf der Grundlage von Kriminalstatistik und Dunkelfeldstudien. Aber sie offenbare in etwa die Größenordnung des Problems, meint Rörig.

Leider herrsche immer noch eine große Unsicherheit im Umgang mit sexueller Gewalt an den Schulen, sagt der Beauftragte. Lehrerinnen und Lehrer hätten Angst vor Falschbeschuldigungen oder wüssten nicht, was im Verdachtsfall zu tun sei.

Mitunter bestehe auch ein unausgesprochenes Einvernehmen von Schulleitern, Lehrern und großen Teilen der Eltern, Missbrauchsvorwürfe unter den Teppich zu kehren. Der Ruf des Instituts, die Ausbildung soll nicht gefährdet werden. Die Illusion einer heilen Schulwelt wird so über das Interesse an Aufklärung gestellt – und damit über das Leid der Betroffenen. Burgsmüller und Tilmann haben das bereits an der Odenwaldschule beobachtet, und sie fürchten, dass es auch in Darmstadt eine Rolle gespielt haben dürfte.

Dabei gebe es eine zentrale Botschaft aus ihrem Bericht über Erich Buß und viele andere, noch nicht so akribisch beschriebene Fälle, sagt Burgsmüller: „Jedem muss klar sein, dass so etwas jeden Moment wieder passieren kann. Direkt vor unseren Augen.“

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