Sexueller Missbrauch bei der Parkeisenbahn

Ein heute 17-jähriger Jugendlicher wurde von einem 38-jährigen Mitglied des Fördervereins der Parkeisenbahn mehrfach sexuell missbraucht. Der Verdächtige nahm sich im Mai das Leben. Der Förderverein brach jetzt sein Schweigen. Ein Konzept soll neue Fälle verhindern helfen.

Dresden – Was genau geschehen ist, lässt sich nicht mehr aufklären. Der Verdächtige ist tot. Er nahm sich im Mai das Leben. Kurz davor hatte ihn die Leitung der Dresdner Parkeisenbahn vom Dienst suspendiert. Der 38-jährige Bahnhofsleiter war von der Familie eines 16-jährigen Parkeisenbahners wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt worden. „Der Fall hat uns in innere Aufregung und Bestürzung versetzt“, sagt Christoph Striefler, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gGmbH (SBG).

Der Vater des Jungen habe sich im Mai an ihn gewandt und ihn von der Strafanzeige in Kenntnis gesetzt, so Striefler. „Wir kennen den Inhalt der Anzeige nicht. Wenn uns der Vater nicht informiert hätte, wüssten wir von den Vorwürfen wahrscheinlich noch nichts.“ Jens Großmann, Schatzmeister des Fördervereins Dresdner Parkeisenbahn, erklärte: „Die Vorwürfe betreffen einen Zeitraum von mehreren Jahren. Die Fälle sollen sich in unserer Ausbildungsstätte auf der Ostra-Allee und auf privaten Exkursionen, die der Beschuldigte mit Kindern und Jugendlichen unternommen hatte, abgespielt haben.“

Der 38-Jährige sei schon in jungen Jahren Mitglied der Parkeisenbahn geworden und habe sehr viel Zeit im Großen Garten verbracht, so Großmann. „Er war engagiert und beliebt.“ Über den Dienst an der Eisenbahnstrecke hinaus würden sich Kontakte zwischen Erwachsenen und den Kindern und Jugendlichen ergeben. Der Verdächtige habe mit jungen Parkeisenbahnern mehrfach andere Anlagen beispielsweise in Stuttgart oder England besucht. „Diese Exkursionen hat er außerhalb seiner Vereinstätigkeit durchgeführt.“

Die Schilderungen des Jugendlichen, der jetzt 17 Jahre alt ist und von der Familie im Frühjahr von der Parkeisenbahn abgemeldet wurde, seien glaubhaft, erklärte Heike Mann von der auf Kinder- und Jugendschutz spezialisierten AWO-Fachstelle „Shukura“. „Wir können nicht ausschließen, dass es weitere Betroffene gibt“, erklärte sie. Der 17-Jährige befinde sich in sehr guter Betreuung durch ein stabiles Elternhaus und sei in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. „Aber er wird sehr lange an den Vorfällen zu tragen haben.“

Obwohl die Vorwürfe seit Mai bekannt sind, hat der Förderverein erst vergangene Woche die Eltern der 230 Parkeisenbahner informiert. „Erstens ging von dem Beschuldigten keine Gefahr mehr aus. Zweites haben wir Kontakt zu Shukura aufgenommen, um ein Kinderschutzkonzept zu erarbeiten. Das brauchte Zeit. Drittens geht es auch um das Opfer, das sich in Betreuung befindet“, erklärte Striefler das lange Schweigen. Mann bezeichnete den Zeitablauf als ungünstig. „Eine schnellere Information wäre optimaler gewesen.“ Der Verein habe sich den Vorwürfen gestellt, das sei der erste Schritt.

Die weiteren Schritte würden bis zu zwei Jahre benötigen, erklärte Mann das Kinderschutzkonzept. Zunächst gehe es um die Frage, ob es weitere Vorfälle und weitere Betroffene gegeben hat. Dazu seien Fragebögen ausgereicht worden, die Auswertung erfolge extern. „Shukura“ will die Eltern mit einer Steuergruppe ins Boot holen, die die Verfahren, Strukturen, Regeln und Umgangsweisen innerhalb des Vereins auf ihre Anfälligkeit für sexuelle Übergriffe prüfen soll. Die Mitarbeiter der Parkeisenbahn – fünf Festangestellte, acht Saisonkräfte und 47 geringfügig Beschäftigte – sollen regelmäßig geschult werden.

„Die Eltern des Betroffenen haben ordentlich Druck im System gemacht“, bekennt Mann, „sie wünschen sich, dass sich etwas ändert.“ Man reagiere jetzt viel sensibler auf Grenzüberschreitungen, erklärt Großmann. „Ein Erwachsener mit einem 13-Jährigen nach 22 Uhr allein im Auto – das geht nicht“, nennt er ein Beispiel. Besser sei es, wenn die Eltern ihre Kinder nach Ausflügen an einem Sammelpunkt abholen würden.

Hätte sich das Geschehene verhindern lassen? Der 38-Jährige war Arbeitsgruppenleiter und musste ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Dem kam er nach, er war ein unbescholtener Bürger. Er unterschrieb auch wie jedes andere Mitglied im Förderverein eine Erklärung, in der es in Punkt 4 heißt: „Ich nutze meine Rolle als Verantwortlicher nicht für sexuelle Kontakte zu mir anvertrauten jungen Menschen aus.“

Es werde lange dauern, bis sich Aufregung und Bestürzung legen würden in der Parkeisenbahn, sagt Striefler. Förderverein und SBG haben das Schweigen gebrochen nach einer sehr langen Zeit. „Es war auch bei mir ein Annäherungsprozess“, bekennt Robert Böpple, Leiter der Parkeisenbahn. „Ich musste mich mit dieser schlimmen Sache auseinandersetzen.“

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