Sexueller Missbrauch – Nein sagen lernen

Wie schützt man ein Kind vor sexuellem Missbrauch? Und wie groß ist die Gefahr, dass es zum Opfer wird – auch im Internet?

Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben. Festgehalten auf Überwachungskameras und Suchfotos. Der kleine Mohamed, der im Oktober 2015 vertrauensvoll die Hand seines zukünftigen Mörders hält. Elias, der in demselben Jahr auf dem Weg zum Spielplatz verschwindet. Mitja, der 2007 in Leipzig auf seiner ersten Straßenbahnfahrt ohne Eltern vergnügt mit einem Sexualstraftäter plaudert, der ihn kurz darauf missbraucht und ermordet.

Dass auch ihr Kind Opfer eines Kinderschänders werden könnte, ist der Alptraum aller Eltern. Viele haben deshalb Bedenken, ihr Kind selbstständig nur zum Bäcker gehen zu lassen, auch wenn es das schon könnte. Schreckensmeldungen von Vergewaltigungen auf Grundschultoiletten gibt ihrer Angst Nahrung, es könnte überall und jederzeit „etwas passieren“. Doch wie groß ist tatsächlich die Gefahr, dass ein Kind Opfer eines fremden, gewaltbereiten Sexualstraftäters wird?

So schrecklich diese spektakulären Fälle auch sind: Sexualmorde oder überfallartige Vergewaltigungen von Kindern durch Fremde sind die absolute Ausnahme. Das zeigen auch die Zahlen des Bundeskriminalamtes. Sexualmorde an Kindern gab es 2013 bundesweit nur ein einziges Mal. 2014 wurde kein einziger Fall registriert. Im Jahr 2015 wurden zwei Sexualmorde an Kindern bekannt, begangen durch denselben Täter, Silvio S.

Die Dunkelziffer ist hoch

Demgegenüber stehen jährlich knapp 15.000 gemeldete Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Nationale und internationale Dunkelfeldstudien (Befragungen, die die stattgefundenen, aber nicht angezeigten Delikte erfassen) berichten, dass 15 bis 30 Prozent der Mädchen und fünf bis 15 Prozent der Jungen in ihrer Kindheit Opfer von sexuellem Missbrauch werden. Mädchen sind bis zu dreimal häufiger betroffen.

Sexueller Missbrauch kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Die Skala reicht von Vergewaltigungen und dem Eindringen in den Körper über sexuelle Nötigungen und missbräuchliche Berührungen bis hin zur bildlichen Dokumentation und Verbreitung sexueller Missbrauchshandlungen oder zum Zeigen von Pornos.

686 solcher Fälle wurden 2015 bei der Berliner Polizei angezeigt, eine Zahl, die trotz eines leichten Rückgangs im Vergleich zum Vorjahr über die letzten Jahre relativ konstant geblieben ist. Weniger als ein Drittel der gemeldeten Täter sind Fremde. Wahrscheinlich ist ihr tatsächlicher Anteil noch deutlich geringer. Denn Taten, die von Fremden begangen werden, werden viel häufiger angezeigt, als wenn der Täter aus der vertrauten Umgebung des Kindes kommt – dem Fußballverein, einer kirchlichen Einrichtung oder gar aus der Familie.

„Das kann mir nicht passieren“

Ein Missbrauch in der Familie? Die meisten Eltern glauben: Das kann mir nicht passieren. Das würde ich sofort merken. So ging es Maria Schmidt*. Es ist nur eine Affäre, dachte sie, als sie sich in den charismatischen Unternehmer Peter* verliebte. Schon wegen des Altersunterschieds. Sie war Anfang Dreißig, er bereits Mitte 50. Doch dann wurde sie schwanger. Dass sie das Kind behalten wollte, war keine Frage. Die Beziehung entwickelte sich überraschend positiv. Peter überschüttete sie mit Aufmerksamkeiten. „Es regnete Blumen und Pralinen sowie Einladungen zu exklusiven Kulturveranstaltungen oder in teure Restaurants.“ Die warme Jahreszeit verbrachten sie in seinem Haus in der Toskana.

Maria lebte ein kleines Sommermärchen. Peter war nicht nur ein toller Typ, der sympathisch rüberkam, er war auch gut situiert und besaß Immobilien im In- und Ausland. Doch kurz nach der Geburt des kleinen Oskar* war die schöne Zeit vorbei. Marias Kaiserschnittnarbe schmerzte, der Kleine hing Tag und Nacht an ihrer Brust. Da verkündete Peter, er sei nicht länger an einer Beziehung interessiert. Beruflich war er viel unterwegs. Unterhalt zahlte er nur unregelmäßig und weit unter dem gesetzlichen Mindestsatz.

Als Oskar vier Jahre alt war, wollte er sich wieder intensiver um seinen Sohn kümmern. Maria konnte den plötzlichen Gesinnungswandel schwer nachvollziehen und wollte seinem Wunsch nach gemeinsamem Sorgerecht nicht überstürzt zustimmen. Schließlich hatte sie sich die vergangenen Jahre alleine um Oskar gekümmert. Von gemeinsamer Erziehung konnte nicht die Rede sein. Doch ihr Ex zog vor Gericht. Der Alptraum begann.

Die Mutter fand für alles eine Erklärung

Schleichend ging es dem Kleinen immer schlechter. Maria fand für alles eine Erklärung. Oskar wollte nicht zu seinem Vater? Sicher musste er sich erst wieder an ihn gewöhnen. Er wollte nur noch Süßigkeiten essen? Na klar, in der Weihnachtszeit machen das alle Kinder. Er wollte nicht mehr aus dem Haus? Kein Wunder bei dem Sauwetter! Er konnte nicht mehr schlafen? Das war bestimmt nur eine Phase. Erst als Oskar plötzlich stundenlang in der Badewanne liegen wollte, „weil er sich schmutzig fühlte“, wurde Maria hellhörig.

„Selten aber typisch“ beurteilt die Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit von der Berliner Alice Salomon Hochschule Silke Gahleitner den Fall. Immer wieder käme es vor, dass Täter auch heirateten, um an Kinder „heranzukommen“.

Oskar musste plötzlich wieder Windeln tragen. Er aß kaum noch, wachte jede Nacht weinend auf. Über Monate musste die ganze Nacht das Licht anbleiben. Tagsüber warf er Marmeladengläser und offene Milchkartons durch die Wohnung. „Oskar war super aggressiv und gleichzeitig total anhänglich“, erinnert sich die Mutter. „Es war die Hölle. Ich konnte ihn überhaupt nicht mehr erreichen. Spielen, singen, lachen? Wir wussten gar nicht mehr, wie das geht.“

Im Rückblick sah sie vieles klarer

Nach und nach begann der Kleine zu erzählen, welche unaussprechlichen Dinge der Papa mit ihm gemacht habe. Der Vater durfte den Sohn nur noch im Begleiteten Umgang sehen, also in Anwesenheit einer Sozialarbeiterin. Oskar konnte nach den Begegnungen mit seinem Vater häufig nicht einschlafen oder kratzte sich die Haut blutig. „Eine irritierende Situation für die Kinder“, bedauert Missbrauchsexpertin Silke Gahleitner.

Rückblickend fielen Maria Situationen ein, in denen sich Peter komisch verhalten hatte. Wie er dem Kleinen, wenn er nackt war, verliebt auf den Po gestarrt hatte! Sie hatte alles verdrängt. Stattdessen hatte sie sich einreden lassen, sie sei eine schlechte Mutter. Die Schuld auf andere zu schieben ist eine typische Täterstrategie, wissen Experten. „Ich traute meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr“, sagt Maria heute.

Die Eltern hatten einen komisches Gefühl

Auch die Eltern von Jonas* wussten nicht mehr, was sie denken sollten. Im Sommer sitzen sie mit ihrer Kreuzberger Hausgemeinschaft häufig zum Grillen im Hof. Der zwölfjährige Jonas verstand sich gut mit dem lustigen Nachbarn aus dem vierten Stock. Sogar so gut, dass er sich mit dem Enddreißiger häufig bis tief in die Nacht übers Handy Nachrichten schrieb. Als die Eltern das durch Zufall erfuhren, hatten sie ein komisches Gefühl, wussten aber zunächst nicht, wie sie reagieren sollten. Konnten sie denn einen „Freund“ verdächtigen? Die Mutter versuchte zu vermitteln. Der Vater verlangte schließlich, die Handy-Nummer des Kindes zu löschen, sowie Kontaktsperre.

„Richtig gut“ findet Michael Pawellek, Kommissariatsleiter in der Abteilung für Sexualdelikte im Landeskriminalamt Berlin, die Reaktion des Vaters. Seit über 30 Jahren kämpft er gegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Inzwischen hat er feine Antennen entwickelt für Verhaltensweisen, die in Richtung Missbrauch deuten können.

Misstrauisch wird er, wenn ein Erwachsener ständig die Nähe von Kindern sucht oder an die Hilfsbereitschaft von kleinen Kindern appelliert. „Bei mir würden alle Alarmglocken schrillen“, sagt er in Bezug auf den Grillnachbarn. Doch letztendlich müssten die Eltern selbst entscheiden. Karten spielen mit diesem Nachbarn könne unter Umständen in Ordnung sein, sofern die Eltern in der Nähe sind und es abgesprochen wurde.

Nichts darf heimlich geschehen

Es darf nichts heimlich geschehen, lautet die Grundregel. Den Kindern sollten die Eltern die Entscheidung nicht überlassen. Sie seien damit überfordert. Und sie brauchen klare Ansagen. Wenn sie niemandem die Tür öffnen sollen, wenn die Eltern nicht da sind, sollte das auch für den Nachbarn oder die Oma gelten.

Auch Michael Pawellek findet es schade, dass Menschen, die privat, beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern zu tun haben, schnell unter Generalverdacht stehen. Wenn er zu seiner Zeit als Jugendtrainer beim Fußball mal ein Kind zum Trost in den Arm genommen hat, musste er darauf achten, dass es nicht falsch ankommt. Doch für ihn hat nicht die eigene Befindlichkeit Priorität, sondern der Schutz der Kinder.

Den Eltern rät er: kein Misstrauen, aber die Augen offen halten. Alles ist möglich. Etwa dass die Täter zu den Kindern nach Hause kommen, ohne dass die Eltern etwas merken – über das Internet. „Perfide“ nennt Pawellek die Art und Weise, wie die Kinder kontaktiert werden. Die Palette des so genannten Cybergrooming (siehe auch Interview) reicht von scheinbar harmlosem Geplänkel, um sich das Vertrauen der Kinder zu erschleichen, bis hin zu direkter „Anmache“. Die Kinder erhalten von dem „Freund“ aus dem Netz pornografische Bilder oder sollen ihm beim Onanieren zuschauen. Manchmal werden sie auch animiert, Bilder von sich zu machen und diese online zu stellen. Häufig versuchen die Täter, ihre minderjährigen Opfer dazu zu bewegen, zu Treffen zu kommen. Was sehr gefährlich sein kann. Gerade Mädchen machen sich im Internet gerne älter und bringen sich damit in große Gefahr.

Grenzverletzungen sind der Anfang

Doch wo fängt Missbrauch eigentlich an? „Missbrauch kann mit Grenzverletzungen anfangen“, weiß Rebecca Mörs vom Präventionsprogramm „Strohhalm“. Bei Kita-Besuchen verdeutlicht sie Drei- bis Sechsjährigen in kleinen Szenen mit Kuscheltieren altersgerecht, wann eine Grenze überschritten ist und welche Möglichkeiten es gibt, „Nein“ zu sagen. Zum Beispiel zum Schmusekuss von der aufdringlichen Schlange Onkel Bo. Auch wenn Hund Pipo gekitzelt wird, obwohl der das nicht will, ist das alles andere als lustig. Er weint und will nicht mehr mitspielen. Dann schimpft Erzieherin Eule Lilo: „Haltet euch an die Regeln“. Die Nachfrage nach dem Präventionsprogramm von „Strohhalm“ ist riesig.

Ganz einfach ist es übrigens nicht, Kinder für die Gefahren zu sensibilisieren, wissen die Verhaltenstrainer des mehrfach ausgezeichneten Antigewalt- und Selbstbehauptungsprojektes für Kinder der Berliner Polizei „Sicher mit Brummi: Bääärenschlau“. Mit dem 1,30 Meter großen, selbstgebauten Plüschbär Brummi und eigenen Liedern ist das Brummi-Team der Polizeiakademie in Berlin unterwegs. Seit 2004 haben besonders qualifizierte Verhaltenstrainerinnen und -trainer bereits in ca. 1800 Schulklassen mit den Schülerinnen und Schülern geübt, brenzlige Situationen zu erkennen und mit ihnen umzugehen.

Dramatische Folgen – ein Leben lang

Bär Brummi erzählt ihnen, wie man das Alarmgefühl im Bauch erkennt, wenn an einer Situation etwas „komisch“ ist. Nur mit „Nein“ sagen klappt es nicht so: Häufig lassen sich die Grundschüler von den von Polizisten dargestellten „Fremden“ übertölpeln. Auch wenn die Hobbymusiker durchaus Entertainerqualitäten besitzen, ist ihre Mission ernst. Wird ein Kind Opfer sexuellen Missbrauchs, kann es eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten entwickeln: Angst-, Ess- oder Persönlichkeitsstörungen, selbstverletzendes oder sexualisiertes Verhalten bis hin zu Depressionen und Selbstmord.

Menschen, die in der Kindheit immer wieder Traumata wie etwa sexuelle Gewalt erlebt haben, können dadurch in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden. Ab dem Kindergartenalter reagieren Jungs und Mädchen unterschiedlich: Jungen eher aggressiv, Mädchen häufiger autoaggressiv. Viele finden erst als Erwachsene den Mut, darüber zu sprechen, was ihnen als Kind passiert ist. Das Erlebte beeinflusst häufig ein Leben lang.

Der Beratungsbedarf ist groß

„Glückliche, liebevolle Partnerschaften lernen viele niemals kennen“, weiß Irina Stolz, Geschäftsführerin von „Wildwasser“, einem Verein, der sich deutschlandweit als erster für Opfer sexueller Gewalt einsetzte. Der Beratungsbedarf ist groß. Telefonisch baten im Jahr 2015 bei Wildwasser 1692 Menschen um Rat, persönlich 1079. Per E-Mail wandten sich 1331 an den Verein. Überwiegend geht es um Missbrauch innerhalb der Familie und dem sozialen Nahraum.

Wie es zu Missbrauch kommt, wird von Experten anhand verschiedener Ursachenmodelle untersucht. Der gesellschaftskritische Ansatz sieht als wichtigen Grund die Tatsache, dass viele Männer immer noch glauben, sie könnten einfach über Frauen und Kinder verfügen.

Und was ist mit den Pädophilen? „Fast jeder 20. Mann hat pädophile Tendenzen“, heißt es in einer umfangreichen Studie zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, die im Rahmen des Forschungsprojekts „Mikado“ von der Universität Regensburg veröffentlicht worden ist. Demnach berichteten von den mehr als 8700 befragten Männern insgesamt 4,4 Prozent über Fantasien zu sexuellen Handlungen mit Kindern im Alter von zwölf Jahren und jünger.

Allerdings erfüllt weniger als ein Mann unter 1000 wirklich die diagnostischen Kriterien der Pädophilie. Sexuelle Fantasien münden auch nicht zwingend in Missbrauchsverhalten. 1,4 Prozent der befragten Männer berichteten, ein Kind im Alter von zwölf Jahren und jünger missbraucht zu haben. 0,4 Prozent berichteten von sexuellen Handlungen mit Kindern gegen Bezahlung (Kinderprostitution). 56 Prozent der Männer mit sexuellen Fantasien mit Kindern sind Nicht-Täter. Viele leben damit ohne auszuagieren, andere suchen Hilfe. Zum Beispiel beim Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“, das in mehreren Städten Deutschlands ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Menschen bietet, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen.

Frauen als Täter – ein Tabuthema

Auch Frauen können Täter werden, und das gar nicht so selten. Laut Dunkelfeldstudien sind es etwa zehn bis 20 Prozent. Wobei sich Frauen eher an ihren eigenen als an fremden Kindern vergreifen – ein Tabuthema. Die Berliner Polizei hat in den letzten Jahren daher auch keine Strafverfahren mit weiblichen Haupttätern zur Kenntnis bekommen. Lediglich als Tathelfer für männliche Täter wurde gegen sie ermittelt.

Beate Krafft-Schöning, die seit 17 Jahren beobachtet, wie Kinder im Internet angemacht werden (siehe Interview), hat schon viel gesehen. Mütter, die ihre Kinder anbieten, die erzählen, wie sie ihre Kinder missbrauchen oder die sie festhalten, wenn sie missbraucht werden. „Die Rolle der Mütter wird enorm unterschätzt“, findet Psychotherapeutin Silke Gahleitner, „weil es ihnen niemand zutraut.“ Gerade wenn das Kind ein Junge ist, ist der Anteil missbrauchender Mütter höher, als viele denken. Aber auch, wenn nicht die Mutter den Missbrauch verübt, kann sich ihr Verhalten katastrophal auswirken. Etwa wenn sie ihrem Kind nicht glaubt, einfach wegsieht und sich nicht für es einsetzt.

Wenn Kinder selbst zu Tätern werden

Übrigens sind Kinder nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Ein Drittel der Sexualdelikte werden von Kindern und Jugendlichen verübt. Besonders „leichte Beute“ sind vernachlässigte Kinder, denen es an stabilen Beziehungen fehlt. Sie haben nicht gelernt, „Nein“ zu sagen, und hungern nach Aufmerksamkeit. Aber noch ein anderer Personenkreis ist gefährdet: besonders behütete Kinder, die von allem ferngehalten werden und die nicht gelernt haben, mit schwierigen Situationen fertig zu werden.

Manche Eltern befürchten, sie könnten ihren Kindern Angst machen, wenn sie ihnen erzählen, was alles passieren kann. Eine Befürchtung, die Psychotherapeutin Silke Gahleitner zu zerstreuen versucht: „Sprechen Sie unbedingt offen, wenn auch kindgerecht über die Gefahren. Alle Präventionsprogramme beweisen, dass sich Kinder am besten wehren können, wenn sie eine Situation einschätzen können.“

Eltern sollten sich um eine offene und authentische Beziehung zu ihrem Nachwuchs bemühen, wobei es auch mal Konflikte geben darf. Kinder, die ihren Gefühlen trauen und sie zeigen dürfen, haben auch weniger Probleme, sich ihren Eltern anzuvertrauen. Das ist umso wichtiger, weil gerade von Sexualstraftätern ein enormer Geheimhaltungsdruck ausgeht.

Enorme Überlebenskräfte

Aber auch, wenn bereits etwas passiert ist, gibt es Hoffnung, weiß die Missbrauchsexpertin. Aktuell untersucht Silke Gahleitner die Heilungschancen von Opfern sexueller Gewalt. „Traumaopfer kommen mit vielem klar und haben enorme Überlebenskräfte“, sagt sie. Auch wenn sie das Erlebte nie ganz loswerden, können sie an ihren Wunden und Schwierigkeiten wachsen. Im Fachjargon nennt man das „posttraumatisches Wachstum“. Wichtig ist es, die Betroffenen dabei gut zu begleiten unter Einbindung des Umfeldes: Schule, Kindergarten, Jugendamt. Auch die betroffenen Eltern brauchen Unterstützung, damit sie ihre Sorgen nicht auf das Kind übertragen und wieder eine positive Perspektive finden.

Der von Maria vermutete Missbrauch an Oskar bedeutet für die Mutter eine wahnsinnige Belastung. Doch ganz langsam geht es wieder bergauf. Der Kleine kann wieder spielen und zwischendurch mal alles vergessen. Marias Wunsch ist, dass irgendwann alles hinter ihnen liegt und sie ein neues Leben anfangen können. Oskars Vater dagegen hat seine eigene Sicht der Dinge. Er hält Maria für sehr krank und empfiehlt ihr einen Aufenthalt in der Psychiatrie.

Die Mutter weiß allerdings auch, dass ein endgültiger Beweis von Missbrauchssituationen schwierig ist und die allerwenigsten Täter verurteilt werden. So war es auch bei ihrem Gerichtsprozess. Dem Vater, urteilten die Richter, könne nichts nachgewiesen werden. Es könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Mutter sich den Missbrauch einbildet. Sie empfahlen einen Unbegleiteten Umgang mit Übernachtung. Der scheitere allerdings daran, dass Oskar das partout nicht will, erzählt Maria.

Marias Rat an andere Mütter in einer ähnlichen Situation: „Glaubt euren Kindern, auch wenn es noch so absurd klingt, was sie erzählen. Gebt ihnen immer das Gefühl, dass ihr für sie da seid, sorgt für verlässliche Strukturen und holt euch so schnell wie möglich Hilfe von einer Beratungsstelle.“

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