So gehen Täter und Täterinnen vor

10330514_1130382960320214_6725948958331971538_nWer ist am häufigsten betroffen?
Sowohl Mädchen als auch Jungen können Opfer von sexueller Gewalt sein, wobei die Zahl der Mädchen überwiegt. Grundsätzlich kann jedes Kind und jede beziehungsweise jeder Jugendliche von sexuellem Missbrauch betroffen werden. Es gibt jedoch besondere Risiken, die Täter und Täterinnen gezielt ausnutzen und in ihre Täterstrategie einbeziehen:
  • Sie knüpfen bei Mädchen und Jungen, die sich viel selbst überlassen sind, an das Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit an, indem sie ihnen Interesse an ihrer Person vorgaukeln, sich Zeit für sie nehmen und ihnen zuhören. Sie beschenken sie und erfüllen ihnen Wünsche, die ihre Eltern nicht bezahlen wollen oder können.
  • Täter und Täterinnen haben ein leichtes Spiel mit Kindern aus autoritären und hierarchischen Familien. Diese sehen Erwachsene als Autoritätspersonen, denen sie ungefragt gehorchen müssen, und haben größere Schwierigkeiten sich abzugrenzen.
  • Kinder und Jugendliche, die Gewalt in ihrer Familie erleiden oder beobachten, erleben häufiger Missbrauch als andere, für die Grenzverletzungen nicht zum Alltag gehören.
  • Mädchen und Jungen, die gelernt haben, dass Sexualität etwas Schlechtes ist, worüber man nicht spricht, werden gezielt ausgewählt. Bei diesen Opfern ist die Gefahr entdeckt zu werden gering, weil sie es kaum wagen, sich jemandem anzuvertrauen.
  • Auch die traditionelle Erziehung zu den klassischen Geschlechterrollen bedeutet für Kinder und Jugendliche eine Gefahr. Jungen, die immer stark sein müssen und gelernt haben, Gefühle zu ignorieren, haben große Probleme sich anzuvertrauen, da die Situation als Opfer ihrem Selbstbild widerspricht. Mädchen, die zur Unterordnung erzogen werden, die sich für die Bedürfnisse anderer verantwortlich fühlen, sind besonders gefährdet, weil sie die Fügsamkeit mitbringen, die sich Täter und Täterinnen wünschen.
  • Für Mädchen und Jungen, die bereits missbraucht wurden, besteht die Gefahr wieder zum Opfer zu werden, wenn es ihnen aufgrund ihrer Vorbelastungen noch schwer fällt, eigene Grenzen zu spüren und zu verteidigen.
  • Ein stark erhöhtes Missbrauchsrisiko haben Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen.
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Wer sind die Täterinnen und Täter?
Sexueller Missbrauch findet in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle durch Männer und männliche Jugendliche statt, zu etwa 10 bis 20 Prozent durch Frauen und weibliche Jugendliche. Dies bestätigen auch internationale Studien.
Es gibt kein einheitliches Täterprofil. Missbrauchende Männer stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern. Sie haben in vielen Fällen die Vater- oder Stiefvaterrolle für das Mädchen übernommen, das sie missbrauchen. Sexueller Missbrauch an Jungen findet häufiger durch bekannte Personen außerhalb der Familie statt. Über missbrauchende Frauen wurde in Deutschland bislang noch wenig geforscht. Sexueller Missbrauch durch Frauen schädigt die Opfer ebenso wie der durch Männer, die Taten sind vergleichbar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sexueller Missbrauch durch Frauen seltener entdeckt wird, weil solche Taten Frauen kaum zugetraut werden.
Was sind die Gründe für sexuellen Missbrauch?
Verschiedene Ursachenmodelle betonen unterschiedliche Faktoren, die dazu führen, dass jemand sexuellen Missbrauch an Kindern oder Jugendlichen verübt. Ein wesentliches Motiv für solche Taten ist der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat das Gefühl von Überlegenheit zu erleben. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu (Pädosexualität), das bedeutet, dass sie sich – anders als die meisten Täter und Täterinnen – kaum oder gar nicht von Erwachsenen sexuell angezogen fühlen. Die in der Öffentlichkeit anzutreffende Formulierung „Das sind ja alles Kranke!“ ist falsch. Sie kann zudem von Kindern und Jugendlichen so verstanden werden, dass der Täter beziehungsweise die Täterin nicht wirklich für ihre beziehungsweise seine Tat verantwortlich ist. Selbst wenn in Ausnahmefällen hinter einem sexuellen Übergriff eine krankheitswerte Störung liegt, tragen Täter beziehungsweise Täterinnen immer die alleinige Verantwortung für ihr Verhalten.
Welche Rolle spielt das Umfeld des Opfers für Täterinnen und Täter?
Täterinnen und Täter missbrauchen immer auch das Vertrauen der anderen Familienmitglieder beziehungsweise des sozialen Umfeldes. Sie manipulieren gezielt die Wahrnehmung der Bezugspersonen, damit ihnen niemand die Tat zutraut und keiner die ersten Anzeichen erkennt. Selbst wenn sexueller Missbrauch innerhalb der Familie offenbar wird, fällt es Angehörigen oft schwer einzugreifen, weil die Täter meist eine Machtposition in der Familie einnehmen. Hinzu kommt häufig die emotionale Bindung an den Täter, aber auch die Angst, dass die Familie zerstört und sozial geächtet wird.
Bei sexuellem Missbrauch außerhalb der Familie sind die Täter und Täterinnen oft in Berufsgruppen zu finden, die eine unverfängliche Nähe zu Kindern erlauben. Sie profitieren vom guten Ruf anerkannter pädagogischer, sportlicher oder religiöser Einrichtungen, in denen sie tätig sind, und von dem Vertrauen, das Eltern ihnen entgegenbringen. Sie zeichnen sich häufig durch pädagogisches Geschick aus und machen sich bei Kindern und im Kollegium oder Team beliebt. Auf diese Weise erreichen sie, dass zunächst niemand den Gerüchten über ein Fehlverhalten glaubt.
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Wie gehen Täter und Täterinnen vor?
Die meisten Täter und Täterinnen handeln nicht spontan, sondern planend und berechnend, so dass man von „Täterstrategien“ spricht. Sie wählen Kinder und Jugendliche gezielt aus, indem sie nach Anknüpfungspunkten und Schwächen suchen (siehe „Wer ist am häufigsten betroffen?“). Oder sie konzentrieren sich auf Mädchen und Jungen, deren Vertrauen und Zuneigung sie bereits genießen oder leicht gewinnen können.
Isolation Die Täter und Täterinnen isolieren die Kinder und Jugendlichen innerhalb der Familie oder Kindergruppe, indem sie sie bevorzugen oder schlecht über Freunde und Vertrauenspersonen sprechen. So schneiden sie ihnen den Weg zur Hilfe ab.
Steigerung der Übergriffe Oft beginnt der Missbrauch mit wenig intensiven, scheinbar zufälligen Berührungen. Die Betroffenen gehen vielfach darüber hinweg, weil sie sie für ein Versehen halten oder meinen, sie hätten sich vielleicht getäuscht und sich das nur eingebildet. Die Verwirrung der Gefühle der betroffenen Mädchen und Jungen beginnt schon zu diesem frühen Zeitpunkt. Langsam intensivieren die Täter und Täterinnen ihre Übergriffe. Den Opfern fällt es immer schwerer dagegen aufzubegehren, weil sie schon die ersten Übergriffe nicht zurückgewiesen haben.
Bestechung und Geheimnis Viele Mädchen und Jungen bekommen Geschenke oder besondere Aufmerksamkeit, so dass sie sich dem Täter oder der Täterin verpflichtet fühlen. Meist wird die Tat zum gemeinsamen Geheimnis erklärt, damit das Kind oder der Jugendliche sich nicht offenbart.
Einschüchterung und Schuldgefühle als Druckmittel Die Mädchen und Jungen werden zudem eingeschüchtert („Dann ergeht es deinem Haustier schlecht“) und mit den drohenden Folgen einer Aufdeckung geängstigt („Das wird deine Mutter sehr unglücklich und krank machen. Das willst du doch nicht“). Hinzu kommt, dass es vielen Tätern und Täterinnen gelingt, bei den Kindern und Jugendlichen ein Gefühl von Komplizenschaft zu erzeugen: „Du hast doch auch nichts dagegen gehabt, dass wir zusammen in der Umkleidekabine waren, wieso willst du jetzt etwas sagen?“ Sie wecken im Mädchen oder Jungen Schuldgefühle und vermitteln ihm, selbst die Verantwortung für den Missbrauch zu tragen.
Literaturhinweise: Für Eltern Kerger-Ladleif, Carmen: Kinder beschützen. Köln: Mebes & Noack 2012
Für Fachkräfte Enders, U. (Hrsg.): Zart war ich, bitter war`s. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, 5. Aufl. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010.
Deegener, Günther: Kindesmissbrauch erkennen, helfen, vorbeugen, 5. Aufl. Weinheim: Beltz 2010.
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