Unschuldig im Knast – Vor 13 Jahren zum Kinderschänder verurteilt und rund zwei Jahre hinter Gitter – Justizopfer erhält 60.000 Euro Schmerzensgeld

Norbert Kuß saß zwei Jahre unschuldig im Gefängnis - dafür bekommt er jetzt 60.000 Euro Schmerzensgeld. ©Foto: FOCUS Online/Arnsperger

Norbert Kuß hat Tränen in den Augen, als er seine Frau Rita umarmt. Das Ehepaar gönnt sich diesen emotionalen Moment. Ihnen ist egal, dass sie in einem Gerichtssaal stehen, beobachtet von zahlreichen Journalisten. Vor wenigen Minuten hat ein Richter Norbert Kuß 60.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

Verdonnert hat das Oberlandesgericht Saarbrücken eine Psychiaterin, die entscheidend daran beteiligt war, dass Norbert Kuß vor 13 Jahren zum Kinderschänder verurteilt wurde und rund zwei Jahre hinter Gitter saß. Unschuldig .

Die damals 13 Jahre alte Pflegetochter von Norbert Kuß hatte ihn 2003 wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Der Bundeswehr-Mitarbeiter landete vor Gericht. 2004 wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt. Ausschlaggebend war das Gutachten der Sachverständigen aus Homburg, welches dem Mädchen die Glaubwürdigkeit attestierte. Kuß musste zwei Jahre ins Gefängnis. Er kämpfte jedoch gegen das Urteil an, beantragte die Wiederaufnahme des Verfahrens, 2013 wurde er freigesprochen.

Richter vernichten Arbeit der Gutachterin

Vom Staat bekam er 25 Euro für jeden Hafttag. Doch Kuß ging auch gegen die Frau vor, die mitverantwortlich dafür war, dass sein Leben zur Hölle wurde. In seiner Klage warf er ihr grobe Fahrlässigkeit vor, gestützt auf kompetente Experten. Das Landgericht hatte ihm bereits 50.000 Euro zugesprochen. Die Psychiaterin war dagegen vorgegangen. Genutzt hat es ihr nicht, denn Kuß und seine Anwältin Daniela Lordt haben im Gegenzug ihre Forderung auf 80.000 Euro erhöht.

Die Saarbrücker Richter haben nun dem unwürdigen Verhalten der Ärztin ein vorläufiges Ende gemacht. Sie vernichteten in ihrem Schmerzensgeldurteil die Arbeit der Psychiaterin, die weder selber noch vertreten durch ihre Anwälte zu der Verkündung erschienen war. Das damalige Gutachten habe nicht nur handwerkliche Fehler. „Die Kernaussage war nicht haltbar, wonach die Aussagen der Belastungszeugin glaubhaft waren“, sagte der Richter.

Freude nach der Urteilsverkündung

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren spektakuläre Justizirrtümer. So wurde der ehemalige Lehrer Horst Arnold von einer Kollegin der Vergewaltigung beschuldigt. Er landete sogar fünf Jahre im Gefängnis, bevor er vom dem Vorwurf freigesprochen wurde. Horst Arnold wurde ein Schmerzensgeld in Höhe von 80.000 Euro von seiner Falschbeschuldigerin zugesprochen. Er starb aber, bevor er das Geld bekam.

Es sieht gut aus, dass Norbert Kuß dieses Schicksal nicht wird teilen müssen. Entsprechend groß war nun seine Freude und Erleichterung. Der bärtige Mann gab bereitwillig und gelöst nach der Urteilsverkündung Interviews. Immer wieder erklärte er, dass er das Geld dringend brauche, um von seinen Schulden herunterzukommen. Und dass es für ihn Genugtuung bedeute, wenn die Ärztin für ihren Fehler geradestehen muss. Doch er sagte auch: „Diese Geschichte wird immer Teil meines Lebens sei. Das Geld kann das nicht wiedergutmachen.“

Richter betont: Es hätte einen Freispruch geben müssen

Kuß spricht damit den Kern des Problems an. Der Vorwurf und insbesondere eine Verurteilung wegen einer Tat mit sexuellem Hintergrund hat weitreichende Konsequenzen. Die Betroffenen werden gesellschaftlich geächtet, werden in eine Schmuddel-Ecke gedrängt, aus der sie auch als Unschuldige kaum wieder herauskommen.

Dieser Makel, der jahrelang an Kuß haftete, ist für das Gericht ein wichtiger Grund, warum es die ursprüngliche Summe von 50.000 Euro um 10.000 Euro erhöht hat. Bemerkenswert ist, dass die Richter nochmal betonten, dass die Justiz einen Fehler gemacht hat. „Es hätte damals einen Freispruch geben müssen.“ Kuß nickte.

Auch wenn die Ärztin noch ein kleines juristisches Schlupfloch hat, um die Zahlung weiter aufzuschieben, verließ Kuß das Gericht mit einem positiven Gefühl. Ein Glas Sekt wolle er nun mit seiner Gattin trinken. Alkoholfrei. Für Ausgelassenheit ist kein Platz im Hause Kuß. Zuviel Leid haben ihnen die Justiz und eine Ärztin angetan.

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