Urteil im Prozess vorm Darmstädter Landgericht – Kindesmissbrauch: 52-jähriger Familienvater verurteilt

Neu-Isenburg/Darmstadt – Im Prozess um schweren sexuellen Missbrauch von Kindern ist gestern vor dem Landgericht Darmstadt das Urteil gefallen. Der 52-jährige Familienvater wurde zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Vorsitzende Richter Marc Euler folgt damit exakt den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Wegen Fluchtgefahr ordnet Euler Haftfortdauer an. Heißt: Der Isenburger bleibt im Knast, die seit über einem Jahr andauernde Untersuchungshaft geht nahtlos in die Vollstreckungshaft über. Darüber hinaus hat der Verurteilte die Prozesskosten und Schmerzensgeld an die Opfer zu zahlen. Die Höhe des Schadensersatzes legt das Gericht auf insgesamt 9 .000 Euro für beide Mädchen fest.

Auch am vierten Verhandlungstag bietet der Prozess vor der zweiten Strafkammer wieder einige Überraschungen. Beide Nebenklagevertreter verweigern den Schlussvortrag. Anwalt Dr. Thorsten Kahl: „Wir verzichten auf die Plädoyers, weil wir der Meinung sind, dass hier kein gerechtes Urteil fallen wird. Die 20 Seiten Text, die wir für heute vorbereitet hatten, wären an der Sache vorbei gegangen.“ Kahl und seine Kollegin Dr. Maike Koch sind nach wie vor der Meinung, dass der Prozess einer Farce gleicht. Die Kammer stellte im Vorfeld vier der sechs angeklagten Fälle wegen Geringfügigkeit ein.

Problem an dieser Praxis ist, dass diese vier Fälle eine Fünfjährige betreffen, die von den drei fast gleichaltrigen Mädchen die schwerste Form des Missbrauchs erlebt haben soll. Dieses Mädchen gilt für die Kammer aber als nicht glaubwürdig. „Der saubere juristische Weg wäre gewesen, diese Fälle in Form der Videovernehmung einzuführen und danach zu entscheiden, ob man sie freispricht oder verurteilt“, so Koch. Dann aber hätte den Nebenklägern das Recht auf Revision zugestanden, was bei der praktizierten Einstellung nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung nicht möglich ist. Außerdem werden die Anwälte sowohl seitens der Staatsanwaltschaft als auch des Vorsitzenden wiederholt kritisiert, auf einer Vernehmung der Mädchen vor Gericht zu bestehen. Dazu Maike Koch: „Beide noch verbliebenen Mädchen hatten das Gefühl, dass ihre Freundin mit der Verfahrenseinstellung da ‘raus gekickt’ wurde. Sie selbst wollten unbedingt aussagen.“ Wäre es zu einer Verurteilung aller sechs Fälle gekommen, hätte der Isenburger mit einer mindestens doppelt so hohen Haftstrafe rechnen müssen.

Sein Verteidiger beantragt indes eine Haftstrafe, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Zu eventuellen Revisionsplänen gibt er nach dem Urteil gestern keine Stellungnahme ab. Staatsanwältin Dr. Xenia Schumm beschränkt sich in ihrem Plädoyer hauptsächlich auf die „Soll- und Haben-Seiten“ des Angeklagten. Zu seinen Gunsten spräche das umfangreiche Geständnis, die Reue und Therapiewilligkeit. Negativ seien hingegen das mit elf Fällen (nicht einschlägig) gefüllte Bundeszentralregister, das sehr junge Alter der Kinder und die schweren Folgen für die Familien. Und zwei Punkte seien nach wie vor ungeklärt: Von wem ging die Initiative für die Mofa-Fahrten aus und wie tief penetrierte der Angeklagte mit dem Finger die Jüngere? Zwei Nachbarsmädchen, eine Sechs- und eine Siebenjährige, nahm der 52-Jährige an den letzten Augusttagen des Jahres 2015 getrennt voneinander auf seinem Roller mit zum Hengstbach. Dort fasste er sie unsittlich an und forderte sie auf, sich auszuziehen und sein Glied zu berühren.

Das letzte Wort des Angeklagten besteht aus zwei Sätzen: „Alles, was passiert ist, tut mir sehr leid. Ich bitte um Entschuldigung.“ Wütende Zwischenrufe aus den Zuschauerreihen sind die Folge. Der Vorsitzende verweist den lautesten Kommentator augenblicklich des Saals – und richtet gleichzeitig eine Verwarnung an alle Angehörigen für die folgende Urteilsverkündung. Dazu wechselt er extra noch einmal in den Saal drei des Landgerichts – dort trennt eine dicke Scheibe die Publikumsbänke von den Sitzungsbeteiligten. Die schützt nicht nur vor Gewaltausbrüchen seitens der Angeklagten, sondern auch vor akustischen Störungen aus den Zuschauerreihen.

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