Was ist in der Düsseldorfer Wohnung passiert?

Der Fall von Paul aus der Schweiz hat im Sommer für Schlagzeilen gesorgt: Acht Tage lang soll ihn sein Peiniger in einer Wohnung in Düsseldorf misshandelt haben. Nun steht der 35-Jährige vor Gericht.

Er hat ein rundliches Gesicht, eine Brille und starrt unverwandt in Richtung Zuschauerbank. Ein gelernter Koch, 35, muss sich seit Freitag wegen schweren Kindesmissbrauchs vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten. Er soll sich über das Online-Spiel „Minecraft“ das Vertrauen eines Jungen aus der Schweiz erschlichen haben. Als Administrator soll er ihn mit Vergünstigungen bedacht haben. Im Chat kam man ins Gespräch.

„Cyber-Grooming“ nennen Experten die Umtriebe von Pädo-Kriminellen im Internet. Damit sind die verbalen Streicheleinheiten in sozialen Netzwerken gemeint, Lob und Komplimente, hinter denen dunkle Absichten stecken. Tatsächlich ist der Junge im Juni zu einem Treffen mit seiner Online-Bekanntschaft bereit. Acht Tage später holt ihn eine Spezialeinheit der Polizei aus der Wohnung des 35-Jährigen in Düsseldorf.

Weil das, was sich in der Wohnung abspielte, die Intimsphäre von Angeklagtem und Opfer betrifft, lässt die Justiz am Freitag die Schotten herunter. Die Öffentlichkeit wird praktisch für den gesamten Verhandlungstag ausgeschlossen – und nur kurz in den Saal hereingebeten, um sie erneut auszuschließen.

Nicht einmal der Verlesung der Anklage durften die Zuschauer beiwohnen, einige Ermittler aus der Schweiz ausgenommen. Und auch der Lebenslauf des Angeklagten, durchaus ungewöhnlich, wird für „geheim“ erklärt. Das könnte daran liegen, dass der Angeklagte als Heimkind selbst Missbrauchsopfer geworden sein soll. Sein Mandant werde aussagen, das kündigt Verteidiger Olaf Heuvens noch an. Mehr will er nicht sagen.

Rechtsanwalt Wolfgang Steffen vertritt die Opferseite: „Der Familie geht es sehr schlecht. Der Junge wird von seinen Mitschülern ständig nach Einzelheiten gefragt, es ist entsetzlich. Er wird psychologisch betreut.“

Dem Schweizer Jungen wurde zum Verhängnis, dass er zunächst als Vermisster gesucht wurde. So nahm die Öffentlichkeit teil an seinem Schicksal, und sein Name war in der Welt.

Steffen hat in seinen Jahrzehnten als Jurist vieles gesehen. Er war es, der als Richter am Oberlandesgericht die rechtsradikalen Mörder des Brandanschlags von Solingen hinter Gitter schickte. Über den aktuellen Fall sagt er: „Ich kann mich nicht erinnern, solche Sachen schon einmal in einer Anklage gelesen zu haben.“

Es soll zwei weitere Opfer geben

Und: Es sei wohl nicht das erste Mal, dass der 35-Jährige Täter geworden sei. „Ich vertrete noch zwei weitere mutmaßliche Opfer, die den Angeklagten belasten“, sagt Steffen. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bestätigt, dass sie in einem abgetrennten Verfahren mögliche weitere Missbrauchsfälle, weiter zurückliegend, untersucht.

Als das Bundeskriminalamt nach einer Bitte der Schweizer Kollegen die Internet-(IP)-Adresse des Düsseldorfers in einem unscheinbaren Haus im Süden der Stadt orten kann, greift eine Spezialeinheit im Juni zu. Da war der Junge schon acht Tage bei seinem mutmaßlichen Peiniger.

Dem droht nun nicht nur eine hohe Haftstrafe, sondern auch die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt. „Das ist nicht ausgeschlossen“, sagt eine Gerichtssprecherin. Das deutet darauf hin, dass der psychiatrische Gutachter dem Angeklagten eine gefährliche Störung attestiert hat. Aber auch das bleibt am Freitag unbestätigt.

„Insbesondere wenn eine Kommunikation zwischen Minderjährigen und Erwachsenen auf einer Plattform ohne Weiteres möglich ist, können Pädo-Kriminelle sexuelle Übergriffe problemlos anbahnen“, warnt unterdessen Nina Lübbesmeyer von Jugendschutz.net. Riskante Funktionen wie der Erhalt von Privatnachrichten und die Einsehbarkeit des Profils sollten auf Freunde beschränkt sein, empfiehlt die Jugendschützerin.

Das Landgericht Düsseldorf hat für den Prozess drei Verhandlungstage angesetzt. Die Urteilsverkündung wird wieder öffentlich erfolgen. Aber schon bei der Begründung droht den Zuschauern der nächste Rauswurf.

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