Wie sieht es im deutschen Sport mit dem Schutz vor sexuellem Missbrauch aus?

Interview mit Johannes-Wilhelm Röri: Vereine brauchen Präventionskonzepte

Die Nachrichtenagenturen sprechen von 1000 Opfern. Jedenfalls haben sich mittlerweile so viele ehemalige Fußballer und Fußballerinnen bei Polizei und Hilfetelefonen gemeldet. Der englische Fußball wird von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Johannes-Wilhelm Rörig ist seit 2011 Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. 2015 unterstützte er den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei der Erstellung und Veröffentlichung der Broschüre „Kinderschutz im Verein“. Was aber kann ein Verein präventiv wirklich tun? Darüber spricht Johannes-Wilhelm Rörig im Interview mit FUSSBALL.DE.

FUSSBALL.DE: Der englische Fußball steht vor der unbequemen Wahrheit, dass im Juniorenfußball, auch in den englischen Elitemannschaften, möglicherweise hunderte Kinder und Jugendliche missbraucht wurden. Wie gefährdet ist der Jugendsport in Deutschland?

Johannes-Wilhelm Rörig: Leider sind sexuelle Übergriffe für Kinder und Jugendliche im Umfeld von Sporttraining, Vereinsleben oder Turnierbetrieb auch in Deutschland eine sehr ernstzunehmende Gefahr. Nach der gerade veröffentlichten „Safe Sport“ Studie der Sporthochschule Köln und der Uniklinik Ulm haben etwa zehn Prozent aller befragten Kadersportler/innen schon einmal schwerere oder länger andauernde sexualisierte Gewalt im Sport erlitten. Sexuelle Übergriffe sind im Leistungs- und Wettkampfsport genauso präsent wie in der Allgemeinbevölkerung. Nach dieser Studie sind Mädchen häufiger betroffen als Jungen. In Vereinen mit einer klar kommunizierten „Kultur des Hinsehens und der Beteiligung“ ist das Risiko für alle Formen sexueller Gewalt dagegen signifikant geringer. Ganz aktuell ist es jetzt wichtig, dass in England die Aufarbeitung stattfindet, dort auch in Prävention investiert wird. Und das gilt auch für Deutschland. Wir dürfen nicht immer nur bei Skandalen in Aktionismus verfallen.

Im Sommer 2015 hat der DFB mit Ihrer Unterstützung für seine 25.000 Vereine einen Handlungsleitfaden herausgegeben. Damals kritisierten manche den Zeitpunkt, weil es doch keinerlei Anlass gäbe. Wie hilfreich ist die Broschüre?

Rörig: Die DFB-Broschüre „Kinderschutz im Verein“ ist sehr gut. Jegliche Kritik an ihrer Herausgabe ist absolut unberechtigt. Kinderschutz sollte eine Daueraufgabe und Qualitätsmerkmal eines jeden Fußball- oder Sportvereins sein. Prävention vor sexueller Gewalt darf nicht erst ins Auge gefasst werden, wenn ein konkreter Verdacht zu Empörung oder Erschütterung führt. Wirklich jeder Vereinsvorstand und viele Vereinsmitglieder sollten die DFB-Broschüre genau lesen, die wichtigen Empfehlungen beachten und darauf pochen, dass Kindern und Jugendlichen alle Handlungsmöglichkeiten geboten werden. Das wären gute Schritte, um die Mädchen und Jungen im eigenen Verein so wirksam wie möglich vor jeder Form von sexueller Gewalt zu schützen.

Wie lauten Ihre wichtigsten Empfehlungen für einen Fußballverein?

Rörig: Wichtig ist, dass der Kinderschutz in der Vereinssatzung verankert wird. Klar benannte Ansprechpersonen sind unerlässlich für den Fall, wenn sich Fußballerinnen und Fußballer einer unangenehmen Situation ausgesetzt fühlen. Alle Vereine sollten außerdem einen Interventions- oder Notfallplan haben, in dem klare Schritte und Zuständigkeiten für den Fall eines Missbrauchs definiert sind. Wie jede Schule, Kita und Kirchengemeinde, sollte auch jeder Fußballverein ein Schutzkonzept entwickeln, möglichst unterstützt durch eine spezialisierte Fachberatungsstelle. Hierbei kann auf die vielfältige Expertise und die Erfahrungen einer Reihe von Landessportbünden und der Deutschen Sportjugend zurückgegriffen werden.

Warum ist so ein offensives Vorgehen ratsam?

Rörig: Gerade beim Schutz vor sexuellem Missbrauch ist es außerordentlich wichtig, dass ein Vereinsvorstand nicht aus falsch verstandener Scham oder Angst vor Imageverlust die Hände in den Schoß legt. Passivität hilft nur den Tätern und spielt ihnen direkt in die Karten. Der Vereinsvorstand muss den hauptberuflich und ehrenamtlich Tätigen sowie den Eltern deutlich machen, dass Präventionsmaßnahmen unerlässlich für den Schutz der Kinder und Jugendlichen sind und zugleich auch ein Ausweis für die hohe fachliche Qualität des Trainings- und Turnierbetriebes. Klare, im Verein allseits bekannte Regeln, schützen Ehrenamtliche und Hauptberufliche zudem vor falschem Verdacht und üblem Gerede im Vereinsleben. Das ist nicht anders als auf dem Spielfeld: Klare Regeln geben allen im Verein Sicherheit.

Sie sprechen von der „unerträglichen Kultur des Wegsehens“. Was meinen Sie damit?

Rörig: Wir alle haben starke Abwehrmechanismen, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Man möchte sich nicht vorstellen, was Kindern von Erwachsenen angetan wird. Man möchte sich nicht vorstellen, Betroffene und auch Täter zu kennen. Der andere Aspekt ist, dass viele große Angst davor haben, jemanden mit einem falschen Verdacht zu beschuldigen. Deshalb war ich so froh, dass der DFB vor einem Jahr eine Broschüre herausgegeben hat – und zwar ganz ohne einen Anlass in Deutschland. Denn der kompetente, angemessene Umgang mit einem Verdacht gehört einfach zu den Qualitätsmerkmalen guter Sportvereine.

Dürfen sich Mannschaftssportarten etwas weniger bedroht fühlen?

Rörig: Es gibt beim Kinderschutz keinen Unterschied zwischen einer Einzel- und einer Mannschaftssportart. Weil Trainer oder Betreuer das Machtverhältnis ausnutzen können, egal ob in einem Fußball- oder in einem Tennisverein. Die Gruppe jedenfalls schützt nicht, weil die Täter das Kind isolieren, durch Drohungen und Versprechungen immer mehr Einfluss gewinnen und die Kinder geschickt zum Schweigen bringen. Eine besondere Gruppendynamik im Mannschaftsport – wer wird beispielsweise beim nächsten Spiel aufgestellt – kann sogar besondere Risiken bergen. Die Gefahr sexueller Gewalt ist aber auch durch Gleichaltrige gegeben, sowohl bei Einzel- als auch Mannschaftssportarten. Auch hier gilt es, klare Regeln aufzustellen und einzuhalten. Und für den Ernstfall müssen Ansprechpersonen zur Verfügung stehen und Abläufe geklärt sein.

Wie flächendeckend fordern in Deutschland Vereine für eine(n) Jugendtrainer/in das erweiterte Führungszeugnis an?

Rörig: Ausnahmslos jeder Verein sollte größtes Interesse daran haben, Vereinskinder nicht rechtskräftig verurteilten Sexualstraftätern anzuvertrauen. Deshalb ist die Vorlage eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses für Ehrenamtliche und Hauptberufler im Sport unverzichtbar. Mit dem Bundeskinderschutzgesetz wurde 2012 zwar eingeführt, dass sich Verbände und Vereine, die Träger der Kinder- und Jugendhilfe sind, erweiterte Führungszeugnisse vorlegen lassen müssen. Diese verbindliche Regelung trifft aber nicht auf viele Sportvereine zu. Nach der neuen „Safe-Sport“-Studie lassen sich beispielsweise weniger als ein Drittel der Sportvereine von ehrenamtlichen Mitarbeitern ihr erweitertes Führungszeugnis vorlegen.

Werden Täter hart genug bestraft?

Rörig: Ich möchte jetzt nicht in die Tiefen des Strafrechts einsteigen.Aber es ist schon nachvollziehbar, dass Betroffene oft das Gefühl haben, ihr Leid sei im Gerichtssaal wenig wert. Nehmen Sie etwa die Nutzung kinderpornographischen Materials. Da kommen viele mit der Zahlung von 90 Tagessätzen aus dem Gerichtssaal heraus oder die Verfahren werden gegen eine Auflage gar eingestellt. Das ist ein schreckliches Zeichen für die Betroffenen. Was das Strafmaß angeht, sind wir in Deutschland eher in einem unteren Bereich, weshalb wir fordern, den Strafrahmen bei einigen Delikten höher zu setzen.

Unter welchen Folgen leiden Opfer sexueller Gewalt?

Rörig: Die oft schwerwiegenden Folgen treten sehr unterschiedlich zu Tage. Sexuelle Gewalt in der Kindheit kann das Aufwachsen erheblich belasten und sich auf die gesamte Lebenszeit auswirken. Einige der betroffenen britischen Fußballer sprechen zum Beispiel von einer zerstörten Kindheit. Oft führt sexueller Missbrauch durch eine bewunderte oder geliebte Person zu einem zutiefst erschütterten Vertrauen, das sich gegenüber anderen nur schwer zurückgewinnen lässt. Es gibt psychische Probleme, das äußert sich etwa in Bindungsproblemen, oft kompensiert durch Alkohol- oder Drogensucht, auch völlig falsche Ernährung. Manche versuchen sich unansehnlich zu gestalten, indem sie sich beispielsweise nicht mehr waschen, die Körperpflege massiv vernachlässigen und sich dadurch selbst ausgrenzen. Manche sind hochaggressiv, andere ziehen sich wiederum total zurück. Und dann gibt es auch die Betroffenen, denen man kaum etwas anmerkt.

Heutzutage geht es auch um den Kinderschutz im virtuellen Raum. Wenn ein Trainer nach dem Pokalgewinn der D-Jugend Fotos in der Kabine macht, ist das schon grenzwertig, oder?

Rörig: Wenn alle zuvor wirksam ihr Einverständnis erklärt haben und noch im Trikot oder bereits umgezogen sind, ist gegen Fotos nach Sieg oder auch Niederlage und ihrer Einstellung auf der Facebook -Seite des Vereins oder anderen Social-Media-Kanälen überhaupt nichts einzuwenden. Das gehört im Sport dazu. Zu einer solchen Frage sollte es in jedem Verein jedoch klare und allseits bekannte Regeln geben, zu denen auch eine Kommunikation stattfindet, warum diese Regelungen wichtig sind. Eltern, Trainer und jugendliche Sportler sollten dies mit Anmeldung im Verein oder spätestens mit der Mannschaftsmeldung schriftlich und verbindlich geklärt haben. Das gibt Handlungssicherheit und die Freude am Sport wird nicht unnötig getrübt.

Herr Rörig, gibt es Zahlen, wie viele Missbrauchsfälle es in Deutschland in den letzten Jahren in Sportvereinen gab?

Wegen der vielen nicht angezeigten Fälle ist es schwer, konkrete Zahlen zu benennen. Es gibt aber Anhaltspunkte. Nach der polizeilichen Kriminalstatistik verzeichnen wir in Deutschland insgesamt mehr als 13.000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen sexueller Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene. Die Dunkelziffer ist jedoch bei weitem höher. Die vor wenigen Wochen veröffentlichte Studie „Safe Sport“ der Sporthochschule Köln und der Universität Ulm liefert uns aktuelle Zahlen zu sexueller Gewalt im Sport. Danach haben ca. 30 Prozent aller Kadersportler schon einmal sexualisierte Gewalt im Sport erlitten, knapp 10 Prozent davon schwerere, oder länger andauernde Gewalt. Die Mehrheit der betroffenen Athleten war unter 18 Jahre alt, Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Sexualisierte Gewalt ist im Bereich des organisierten Leistungs- und Wettkampfsports genauso präsent wie in der Allgemeinbevölkerung.

Halten Sie einen Skandal diesen Ausmaßes auch in Deutschland für möglich?

Ich möchte mir bei uns in Deutschland einen neuen Missbrauchsskandal, vergleichbar mit dem aktuellen im englischen Jugendfußball, nicht vorstellen, kann ihn aber auch nicht ausschließen. Kennt man die perfiden Täterstrategien, weiß man, dass es Tätern und auch Täterinnen immer wieder gelingt, unerkannt über sehr lange Zeiträume Mädchen und Jungen sexuell zu missbrauchen. Diese Verbrechen wurden in der Vergangenheit auch von Schuldirektoren, Lehrern, Pfarrern, Erziehern und beispielsweise Sporttrainern begangen. Erst 2010 wurden wir in Deutschland von einem Missbrauchsskandal mit aller Wucht erschüttert. Seither wird mehr für den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt getan, aber noch lange nicht alle Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft, um die Täterstrategien wirkungsvoll zu durchkreuzen.

Sind Kinder und Jugendliche in Sportvereinen besonders gefährdet? Sprich: Bieten Vereine besondere Voraussetzungen für sexuelle Übergriffe?

Für Kinder, die Missbrauch in ihrer Familie erleiden, bietet Freizeit und Training im Sportverein die besondere Chance, Hilfe durch vertrauensvolle Ansprechpersonen zu finden. Zugleich muss jeder Sportverein alles dafür zu tun, dass junge Sportlerinnen und Sportler im Umfeld des Trainings- und Turnierbetriebes keine sexuelle Gewalt erleiden. Vertrauensvolle Beziehungen, aber auch die Bewunderung der Kinder und Jugendlichen für Trainer, Betreuerinnen oder Gruppenleiter können für sexuellen Missbrauch ausgenutzt werden. Der Wunsch im Sport erfolgreich zu sein, kann die Bereitschaft erhöhen, vieles in Kauf zu nehmen, wie zum Beispiel besondere Anstrengungen auszuhalten, oder auch auf andere Freizeitaktivitäten und -kontakte zu verzichten. Das kann Kinder und Jugendliche besonders verletzlich machen für sexuelle Gewalt. Gruppendynamiken können dazu führen, dass Mädchen und Jungen ihre Grenzen überschreiten (lassen), um dazuzugehören. Die große Aufgabe im Sport besteht darin, genau für diesen Kontext passende präventive Maßnahmen zu entwickeln. Es ist entscheidend, einen konkreten Plan für das Vorgehen bei Verdacht auf sexuelle Gewalt zu erstellen und allen bekannt zu machen.

Worauf sollen Eltern, Teamkollegen, Vereinsmitglieder konkret achten und an wen sollen sie sich wenden, wenn sie einen Verdacht haben?

Die Studie „Safe Sport“ hat gezeigt, dass in Vereinen, in denen Schutzmaßnahmen vor sexueller Gewalt eingeführt wurden und in denen klar und offen darüber gesprochen wird, das Risiko für sexualisierte Gewalt deutlich geringer ist. Sportlerinnen und Sportler, die sexualisierte Gewalt im eigenen Verein erfahren haben, berichten, dass ihnen eine Ansprechperson für Beschwerden nicht bekannt war und dass es keine Regeln für den Umgang mit Verdachtsfällen gab. Mit dem Deutschen Olympischen Sportbund stimme ich darin überein, dass Prävention in den sportlichen Alltag eines jeden Vereins integriert werden muss. Wie jede Schule, Kita und Kirchengemeinde, sollte auch jeder Sportverein ein Konzept zum Schutz vor sexualisierter Gewalt entwickeln, möglichst unterstützt durch eine spezialisierte Fachberatungsstelle.

Wenn jemand aktuell Hilfe sucht oder einen vergangenen Übergriff berichten will, wo und wie findet man auch erstmal anonym Rat?

Rörig: Jedermann kann sich an unser Hilfetelefon sexueller Missbrauch 0800 22 55 530 wenden. Dort hören sich erfahrene Fachkräfte jedes Anliegen an und können gut beraten. Auch die örtliche Fachberatungsstelle hat stets ein offenes Ohr und bietet Hilfe und Unterstützung für Betroffene und Angehörige sowie Haupt- und ehrenamtliche Akteure im Sport. Eine entsprechende Adresse kann über das Hilfetelefon oder unser Hilfeportal recherchiert werden.

Info:
Hilfe und Infos gibt es am Hilfetelefon gegen sexuellen Missbrauch (0800 – 22 55.530 ) oder im Internet: www.hilfeportal-missbrauch.de

Blog via E-Mail abonnieren

Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Wordpress Anti-Spam durch WP-SpamShield