Wie wird jemand Kinderschänder? „Ich saß selbst dafür im Knast“ – Zu Besuch bei Ex-Täter aus Kreis Traunstein

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Landkreis Traunstein – Wegen Kindesmissbrauch wird am Dienstag ein Mann aus Traunreut vor Gericht stehen: Wie kann es soweit kommen? Auch Holger Brand saß deshalb schon ein. Wir haben ihn getroffen.

Eine kleine Wohnung im Landkreis Traunstein, man klingelt. Freundlich wird geöffnet: „Kommen Sie rein.“ Ein seltsames Gefühl. Das Wohnzimmer ist altbacken, es gibt Kaffee. Holger Brand (Name geändert, Anm. d. Redaktion) hat sich an Kindern vergangen, immer wieder. Im Herbst 2007 kam Brand aus dem Gefängnis, knapp drei Jahre war er drin. Das Urteil: Sexueller Missbrauch von Kindern in drei Fällen. Der Mann ist nun in seinen 50ern.

Als Bub selbst missbraucht

Der Oralverkehr mit einem damals 13-jährigen Buben brachte ihn hinter Gitter. „Eigentlich wollte ich damals schon nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun haben. Mir ist das zu dreckig geworden und über den Kopf gewachsen“, so Brand heute. Widerstehen konnte er nicht. Die Haftstrafe sieht auch Holger Brand selbst als gerecht. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

„Ich bin im Elternhaus selbst von meinem Vater regelmäßig missbraucht worden“, erzählt der Mann. Vier oder fünf Jahre alt war er damals – bis in die Pubertät zog sich das, „bis ich alt genug war, um Nein zu sagen„. Seine Mutter wollte nichts davon wissen, hielt sich zurück. Alkohol spielte bei den Eltern eine große Rolle. „Als das passierte, bin ich immer neben mir gestanden, bin irgendwie nur als Zuschauer dabei gewesen“, so Brand.

Mit Mitte 20 ging er in die Offensive

Mit 18 nahm Holger Brand Abstand vom Vater, zog weg, hatte gute Jobs – und seine eigene Sexualität? „Ich hatte zwar Freundinnen, aber ich konnte meine Liebe nicht weitergeben. Ich hatte auch Angst vor dem Sex.“ Als Brand Mitte 20 war, flammte plötzlich das Interesse an Jüngeren auf: „Ich wusste, dass es nicht richtig war.“

Seine eigene Biographie treibt ihn um, das merkt man in jedem Satz. Brand will sprechen, doch es fällt ihm trotzdem schwer – vor allem dann, wenn es konkret wird. Wenn es um seine eigenen Taten geht. Es wirkt, als ginge Holger Brand auf Distanz zu sich selbst. „Ich habe dann das erste Mal Kinder angesprochen, eines auch am Bein angefasst. Ich wusste nicht, warum ich das mache. Ich hab‘ versucht, irgendwie was Sexuelles zu bekommen. Mit den Frauen hatte ich es ja nicht geschafft.“ In den 1990er-Jahren die erste Verurteilung: Geldstrafe.

In der organisierten Pädophilen-Szene

Holger Brand rutschte immer tiefer hinein, lernte Leute aus der organisierten Pädophilen-Szene kennen. Er stellte diesen Leuten seine Wohnung im Landkreis Mühldorf zur Verfügung: Er ging spazieren, seine Bekannten missbrauchten 11- bis 15-jährige Buben. „Als ich einmal zurück kam, hieß es, ich solle einem der 12-Jährigen einen blasen, damit ich auch was davon hätte“, so Brand: „Am Anfang war mir das recht. Es war schön, ich habe mitgemacht“, gesteht er.

Die Opfer waren Buben aus der Gegend: „Vom Kopf dieser Gruppe wurden sie mit viel Geld gelockt, wurden beschenkt. Auch unter Drogen hat man sie gesetzt.“ Holger Brand übernahm seine Rolle in der Szene, brannte Kinderpornos auf CDs. Um die 40 war er damals alt. Anderthalb Jahre hielt sich Brand in der Szene auf.

Nach dem Ausstieg wurde Brand doch wieder schwach

„Ich habe irgendwann Angst bekommen, dass das Alles auffliegt“, erzählt Holger Brand, wenn er von seinem „Ausstieg“ spricht. Doch die organisierte Gruppe machte Druck, bekam es selbst mit der Angst zu tun. „Der Chef der Gruppe hat einen seiner 13-Jährigen bezahlt und bei mir vorbeigeschickt. Sie wollten mich ködern und hinhängen“, so Brand – er wurde wieder schwach. 2003 war das und der Grund für die Anklage. Holger Brand zeigt seinen dicken Ordner mit all den Gerichtsunterlagen.

Als man ihn selbst kriegte, wollte Brand auspacken – doch die Ermittlungen verliefen im Sande. Einige der Buben wurden verhört, doch sie schwiegen. Die Köpfe der südostbayerischen Pädophilen-Szene blieben ungeschoren: Brand vermutet, dass sie ihre Peiniger decken. Schmiergelder hätten sowieso dazugehört, auch den Behörden gegenüber. Auch zur „Münchner Gruppe“ hatten die Pädophilen Kontakt – gegen sie ermittelte die Staatsanwaltschaft, doch 2004 hob das Bayerische Oberste Landesgericht Haftbefehle wieder auf. Inzwischen ist vieles verjährt.

Noch heute ist Brand seiner Therapeutin dankbar

„Ich hatte Glück, dass ich im Gefängnis eine gute Therapeutin hatte“, erzählt Holger Brand heute. Insgesamt 53 Stunden saß man beisammen: „Das Ziel war, dass ich merken soll, ‚Hoppla, mit mir stimmt was nicht. Ich darf das nicht mehr machen‘.“ Die Therapie habe ihm die Augen geöffnet, warum alles so kam. Brands Erklärung: Seine Kindheit. Auch nach der Haft war er noch jahrelang beim Psychologen.

Zurück in Freiheit kam Holger Brand nur bedingt wieder in die Spur: Langfristige Jobs fand er nicht, lebte auch im Obdachlosenheim. Heute bezieht Brand Hartz IV, hat aber seine eigenen vier Wände. Keiner aus seinem jetzigen Freundes- und Bekanntenkreis weiß von seiner Vergangenheit.

„Nur noch Eigensex“

Der einsam wirkende Mann hat mit dem Thema Liebe abgeschlossen: „Mit Frauen hatte ich immer Pech, auf Männer keinen Bock“, so Holger Brand. Ja, er gibt zu, dass er theoretisch noch immer Interesse an Buben hätte – doch die Therapien hätten geholfen. „Ich habe mich im Griff. Nur noch Eigensex“, wie Brand es nennt. Sein Ton ist dabei konsequent und bestimmt. Hoffen wir, dass Holger Brand recht hat.

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