Zwangsarbeit und Missbrauch in DDR-Kinderheimen

Laut einer Studie diente in DDR-Kinderheimen unangenehme und schwere Arbeit der Disziplinierung und Ausbeutung. Die Erkenntnisse werden am Freitag vorgestellt.

Erfurt. „Bis zum 18. Lebensjahr war ich im Jugendwerkhof. Dort lebten wir wie im Strafvollzug. Wir arbeiteten im Tiefbau und in der MTS (Maschinen- und Traktoren-Station). Wir wurden nicht zur Arbeit erzogen, sondern dazu, ständig irgendwelchen Tätigkeiten nachzugehen.“

Solche und ähnliche Hinweise über den Arbeitszwang in DDR-Kinderheimen finden sich viele in den Berichten, die die „Thüringer Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige DDR-Heimkinder“ nach Gesprächen mit Betroffenen gesammelt hat. Danach wurde oftmals viel zu schwere Arbeit zur Disziplinierung der minderjährigen Insassen eingesetzt und diente letztlich wirtschaftlicher Wertschöpfung und Ausbeutung.

Nun bestätigt auch eine Studie des Deutschen Institutes für Heimerziehung (DIH) Formen von Zwangsarbeit. „Arbeit war in den DDR-Kinderheimen üblich. Sie reichte von einfachen Tätigkeiten zur Bewältigung des Heimalltages bis hin zu tatsächlich unter Strafandrohung und unter Ausbeutungsaspekten erzwungener Arbeit“, sagt DIH-Leiterin und Mitautorin Anke Dreier-Horning, die die Ergebnisse der Studie ab heute bei einer Fachtagung zusammen mit dem Bundeswirtschaftsmisterium (BMWi) vorstellen wird.

Gleicke: DDR ließ in Heimen Ausbeutung zu

Eine ausschließliche Verwendung des Begriffes Zwangsarbeit für das Dritte Reich halten die Autoren für ungerechtfertigt. Wegen der bis heute anhaltenden sozialen und psychischen Folgen für die Betroffenen sprechen sie in der Studie darüber hinaus von „Missbrauch“.

Zwar seien nicht alle Arbeitsformen problematisch, die Übergänge aber oft fließend gewesen. Dabei unterschieden sich die Formen der Strafarbeiten in den verschiedenen Heimeinrichtungen kaum. „Die Arbeiten sollten unangenehm (Toiletten putzen), zeitaufwendig (Aufräumarbeiten), körperlich schwer sein (Flure bohnern mit schweren Geräten) und enthielten nicht selten repressive Elemente, um zu demütigen und um das Machtverhältnis zu demonstrieren (Auto waschen vom Erzieher, Böden säubern mit Zahnbürste)“, heißt es in der DIH-Studie.

Die berufliche Qualifizierung habe zwar formal zum pädagogischen Konzept der Heimerziehung gehört. „Die Ausbildung der Jugendlichen stellte aber häufig nur ein Alibi dar. Besonders in den Durchgangseinrichtungen mussten Jugendliche und Kinder ohne jede Ausbildung stumpfsinnige und schwere Arbeiten durchführen“, so Dreier-Horning. Diese Formen derArbeitsverpflichtungen können daher auch als „Zwangsarbeit“ bezeichnet werden.

Für die BMWi-Staatssekretärin und Ostbeauftragte Iris Gleicke belegt die Studie einmal mehr den Unrechtscharakter vieler Heime. „Die DDR ließ es zu, dass Kinder und Jugendliche in Heimen ausgebeutet wurden. Dieses Unrecht an Kindern wiegt besonders schwer. Es ist gut, endlich Klarheit zu haben, was damals passiert ist“, sagte Gleicke der Thüringer Allgemeinen. Die Aufarbeitung der DDR müsse weitergehen.

5000 ehemalige DDR-Heimkinder in Thüringen:

In Thüringen haben sich aktuell rund 5000 DDR- Heimkinder bei der Anlauf- und Beratungsstelle (ABST) gemeldet. Abgeschlossenen wurden rund 1400 Entschädigungsfälle. Für den Fonds „Heimerziehung in der DDR“ liegt der Thüringer Anteil seit 2012 bis 2017 bei rund 25 Millionen Euro. Der Fonds läuft Ende 2018 aus.

Der tatsächliche Bedarf ist laut Bildungsministerium nicht abzusehen, da keine gesicherten Angaben vorlägen, wie viele Heimkinder es in der DDR gab und wie viele davon jetzt in die Zuständigkeit Thüringens fallen. In den ABST-Außenstellen in Suhl, Gera und Saalfeld finden regelmäßig Sprechtage statt.

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